Berlinale 2004 - 4. Tag
Filme von Patty Jenkins, John Boorman, Vinko Bresan, Eyal Sivan und Audrey Maurion, Jehane Noujaim und Ulrike Ottinger.
Sonntag, 8.2.:
Interviews mit dem Berlinale-Stargast Jack Nicholson haben die Welt am Sonntag und der Spiegel geführt.
Wettbewerb:
Ralph Geisenhanslüke ( Tagesspiegel) ist beeindruckt von Charlize Theron, die in Monster (Regie: Patty Jenkins) eine Frau spielt, die seit ihrem achten Lebensjahr vergewaltigt wurde, mit 13 auf den Strich ging, irgendwann zur Serienkillerin wurde und 2002 hingerichtet wurde: "Zu sagen, es sei ein Genuss, diesen Film zu sehen, wäre falsch. Er ist eine Strapaze. Denn Monster zeigt eine Version der Wirklichkeit, die die meisten Menschen nicht kennen und darum umso leichtfertiger beurteilen. Theron spielt die Aileen (...) mit beängstigender Perfektion: das fiese Gebiss, die grimmige Mimik, die burschikose Körpersprache, die vermeintlich stark sein soll, aber nur ungelenk wirkt."
Ein Porträt der Schauspielerin gibt es auch.
Harsche Kritik erntet John Boormans Country of My Skull, über die Selbstheilung Südafrikas durch die öffentliche Konfrontation der Apartheid-Täter mit ihren Opfern, bei Jan Schulz-Ojala ( Tagesspiegel): "Man müsste Country of My Skull fast ein filmisches Verbrechen nennen. Oder wie sonst soll man es bezeichnen, wenn ein Regisseur sich fürs große Publikumskino ein sehr großes Thema erstmals greift - und es so unglaublich vergeigt, dass sich so schnell niemand mehr an einen Stoff wagen dürfte, der doch packender kaum denkbar ist?"
Susanna Nieder ( Tagesspiegel) bespricht sehr wohlwollend den kroatischen Film Svjedoci (Die Zeugen) - Vinko Bresans komplexe Auseinandersetzung mit dem jugoslawischen Bürgerkrieg: "Die Erzählweise ist halsbrecherisch komplex und nicht ganz gefeit gegen Längen. Dass Svjedoci trotzdem ein eindrucksvoller Film ist, liegt vor allem an der mikroskopisch genauen Beobachtung der Figuren. Wie sorgfältig inszenierte Fotografien wirken die Bilder (Kamera: Zivko Zalar), fast mit der Expressivität des Stummfilmkinos agieren die Darsteller. Pathetisch wird es trotzdem nicht."
Panorama:
Frank Noack ( Tagesspiegel) hat die "unkonventionelle Innenansicht des Ministeriums für Staatssicherheit" Aus Liebe zum Volk der beiden Dokumentaristen Eyal Sivan und Audrey Maurion gesehen, die dafür Unmengen von Bild- und Tonmaterial sowie Tagebuchaufzeichnungen eines entlassenen Stasi-Mitarbeiters bearbeitet haben.
Forum:
Harald Martenstein ( Tagesspiegel) fand Jehane Noujaims Control Room, den ersten Dokumentarfilm über den Propagandakrieg, der den Irak-Krieg begleitet hat, sehr interessant. "Er wurde im US-Pressezentrum gedreht, wo die 'eingebetteten', offiziell zugelassenen Journalisten arbeiteten, und in den Studios des arabischen Senders Al Dschasira. Er stellt Bilder und Journalisten beider Seiten gegenüber. Der Film ist stark, unaufgeregt, ohne fertige Antworten. Seine Frage heißt: Kann man im Namen der Demokratie Krieg führen?"
Besprochen wird ausserdem Ulrike Ottingers Neuverfilmung des 1928 veröffentlichten Schelmenromans Zwölf Stühle von Ilf und Jewgeni Petrow.
