Cannes 2002 - 4. Tag
Filme von Rosanna Arquette, Robert Guédiguian, Michael Moore, Amos Gitai, Mike Leigh und Bénédicte Liénard.
18.5.
Die Frankfurter Rundschau hat "anregende Enttäuschungen" erlebt: Rosanna Arquettes Dokumentarfilm Searching for Debra Winger ("es ist ein wenig wie in George Cukors allein mit Frauen besetztem Filmklassiker The Women - nur sind die Dialoge leider viel, viel schlechter"), Robert Guédiguians erotische Dreieckskomödie Marie-Jo et ses deux amours ("wäre es ein deutscher Film, hätte man ihn keines Blickes gewürdigt"), Kedma von Amos Gitai und Michael Moores Dokumentarfilm Bowling for Columbine über die US-Waffenlobby.
Mit Letzterem beschäftigt sich auch Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung ausführlich. Er fand es vor allem "spannend zu sehen, wie seine (Moores) Filmarbeit immer wieder von den Ereignissen überrollt wird, und wie ihm dabei ein paar ursprüngliche Sicherheiten verloren gehen." Außerdem hat Kniebe noch den italienischen Film L'ora di religione (Die Religionsstunde) von Marco Bellocchio gesehen, der ebenso als Skandalfilm gehendelt werde. Für ihn war es aber dann " weniger ein scharfer Angriff auf die Kirche als ein antiquiertes Thesenstück, in dem die religiösen Anfechtungen des Autors zu endlosen Tiraden gerinnen."
Hanns-Georg Rodek von der Welt meint zu Michael Moores Film: "Wie immer ist Moore wenig subtil, inszeniert unverhohlen und setzt die Kamera hemmungslos als Waffe ein. Das Resultat jedoch rechtfertigt die Methode, weil er überzeugend darlegt, dass nicht primär die Verfügbarkeit von Waffen 11.500 Morde pro Jahr auslöst, sondern eine den USA seit den Pilgervätern eingepflanzte Mentalität der Selbstverteidigung gegen - häufig - eingebildete Gefahren." Marie-Jo et ses deux amours von Robert Guédiguian ,"ein tödlich konsequentes Marseille-Melodram", und Amos Gitais Kedma haben ihn nicht gerade begeistert.
Wolfgang Höbel vom Spiegel beschwert sich über das Übermaß an sozialem Realismus in seiner traurigsten Form. Guédiguians Film sei ein Beispiel, Mike Leighs All Or Nothing und Une part de ciel (Ein Stück vom Himmel) von Bénédicte Liénard zwei weitere. "Schwer zu sagen, warum dieses engagierte Kino hier in Cannes manchmal wie die schiere Sozialpornografie wirkt. Vielleicht, weil die Filme mitunter den Eindruck erwecken, sie wollten dem Zuschauer predigen: Sieh, wie gut es dir geht, von wie viel Trugbildern eines angenehmen Lebens du umstellt bist, geh in dich und entdecke dein soziales Gewissen." (Da freut man sich auf unbeschwerte Tage in Cannes und dann so was...)
Cristina Nord von taz ist nicht ganz überraschend anderer Meinung: Une part de ciel hat ihr hervorragend gefallen, Bowling for Columbine sei "wohltuend polemisch" nur Bellochios Film sei "so lästig wie eine Unterhaltung mit einem missionslüsternen Kirchenmann". weil sich der antikatholische Film eben auch "aus dem Budenzauber der Kirche speist."
