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Aktualisiert am 25.05.2008

Cannes 2008 - 10. Tag

Filme von Wim Wenders, Paolo Sorrentino, Philippe Garrel, Atom Egoyan, Charlie Kaufman, Steven Soderbergh, Emir Kusturica und Terrence Davies.

Cannes 2008 Plakat

Hanns-Georg Rodek überschreibt seinen Artikel in der Welt, der vor allem von Wim Wenders Wettbewerbsfilm Palermo Shooting handelt, so: "Wie gemein, Dennis Hopper bringt Campino um!" Der Film hat ihm anscheinend recht gut gefallen. Er schreibt: "Die Sequenz, wo sich Campino und Hopper in einer riesigen, alten Bibliothek treffen, gehört zu den schönsten, die Wenders in seinen 40 Jahren Filmemachen gedreht hat. In ihr bündeln sich die Gedanken dieses Films, sie ist poetisch, visuell aufregend und besitzt sogar trockenen Humor".
Paolo Sorrentinos Il Divo zähle zu den Preisanwärtern des Festivals, "weil er eine viel schwierigere Biografie als die von Che weitaus besser bewältigt: Sein Objekt ist der siebenmalige italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti".

Die Frankfurter Rundschau hat sich mit Wim Wenders über seinen Wettbewerbsfilm Palermo Shooting unterhalten.

Michael Althen von der FAZ hält ein kurzes Plädoyer für die nicht so gelungenen oder eher abseitigen Filme des Festivals: "Das gesamte Wettbewerbsprogramm des Donnerstags – Philippe Garrels hübsche, aber auch etwas gespreizte Amour fou La frontière de l’aube, Adoration, Atom Egoyans verwirrend steriles Erzählspiel um Schuld und Vergebung, und Paolo Sorrentinos ungewöhnlich elegant in Szene gesetzte Politsatire um Giulio Andreotti, Il Divo – wird wahrscheinlich nie ins deutsche Kino kommen. Aber das heißt nicht, dass es ohne Bedeutung wäre."
"Völlig verkorkst" sei das Regiedebüt des "Drehbuch-Gurus" Charlie Kaufman: "Wo er schon in Being John Malkovich, Vergissmeinnicht und Adaption gern Geschichten entworfen hat, die sich in den Schwanz beißen, da frisst sich sein Synekdoche, New York gleich völlig auf. (...) Spätestens ab der Hälfte des Films hört man auf, sich noch über irgendwas zu wundern – und sich für irgendwas zu interessieren."

Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel zieht bereits eine erste Festival-Bilanz, und die fällt ziemlich ernüchternd aus: "Nun, am Tag vor der großen Palmen-Parade, steht die Jury vor einer disparaten Masse überwiegend auf ehrgeizigem Niveau missglückter Werke. Und nicht wenige von ihnen sind (...) langwierig und überkompliziert geraten."
Wim Wenders neuer Film hat ihn auch nicht überzeugt: Zwar finde "eine für Wim Wenders’ Verhältnisse unerhört leicht anhebende Liebesgeschichte Raum; nur kann sie sich, zwischen dem auch sprachlich sentimentalen Overdrive des Beginns und dem übersinnlichen Brimborium des Finales, nicht richtig entfalten (...). Nicht ironisch (...), sondern überwiegend bedeutungsvoll raunend ist Palermo Shooting geraten – ein erratisches Alterswerk, in dem schwindende Ausdruckskraft mit wachsender Mitteilungswut einhergeht."
Charlie Kaufmans Regie-Erstling Synekdoche New York fand der Kritiker "bald nur noch ebenso laut wie langweilig anzusehen". Und über Adoration von Atom Egoyan schreibt Schulz-Ojala: "Was eine auch in ihren Bildern faszinierende Antwort des Kinos auf die mögliche Reinszenierung der eigenen Biografie im Second Life des Internet hätte werden können, weicht bald der zeitraubenden Zerquasselung eines Familienproblems." Auch Steven Soderberghs zweiteiliges Biopic Che sei "leider eine enttäuschte Hoffnung", um das sein französischer Verleih "nicht zu beneiden" sei - Schulz-Ojala räumt dem Film in seiner jetzigen, vierstündigen Form keine Chancen im "klassischen Kino" ein.
"Wie packend man eine Legende ins monumentale Bild setzen und zugleich fundamental dekonstruieren kann", zeige hingegen der italienische Regisseur Paolo Sorrentino in Il Divo: "Sorrentino findet (...) immer wieder Arrangements von geradezu fellinesker Wucht und entwirft, pünktlich zu Beginn der dritten Ära Berlusconi, eine bestechend finstere Vision."

Lars-Oliver Beier vom Spiegel findet, dem Drehbuchautor Charlie Kaufman sei mit Synecdoche, New York "eine manchmal etwas verwirrende, teilweise aber auch sehr bewegende Tragikomödie" gelungen. "Schreiend komisch" sei dieser Film "und tief traurig zugleich".
Paolo Sorrentinos Film Il Divo über den früheren italienischen Regierungschef Giulio Andreotti klassifiziert Beier als "amüsante Groteske": "Hauptdarsteller Paolo Servillo wirkt mit seinem maskenhaften Gesicht und seinen eckigen Bewegungen bisweilen wie eine Puppe aus der britischen Satiresendung 'Splitting Image' – und doch kommt die Figur dem Zuschauer menschlich weit näher als Che Guevara in Soderberghs viereinhalbstündigem Film."

Rüdiger Suchsland schreibt in seinem Cannes-Tagebuch bei artechock, Che von Steven Soderbergh sei "ein einziges Desaster. Ein langatmiges, träges Stück Film - ohne Fokus, ohne Idee, ohne Mut, ohne Esprit. Die größte Enttäuschung des bisherigen Festivals". Zu Maradona by Kusturica lesen wir, der hane "alle Schwächen eines typischen Kusturica-Films: Er ist fortwährend mit viel zu lauter, gelegentlich einfach nervtötender Musik unterlegt, ist überdreht, eitel, dick aufgetragen, alles wird ein paar mal zu oft wiederholt, dem Publikum regelrecht eingebläut. Kino für Analphabeten. Aber er hat Maradona. Und wie sich herausstellt, ist das genug für einen guten Film".
Außerdem schreibt Suchsland bei artechock über Of Time and the City von Terrence Davies über seine Heimatstadt Liverpool, der im Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigt wird: "Formal ein Dokumentarfilm, ist dies doch ein überaus subjektiver Essay, und, mehr als das, ein Stück mit den Mitteln des Kinos praktizierte Geschichtsphilosophie. Und es ist - wunderbares Kino, der wohl schönste Film bisher in Cannes, ein einzigartiges Werk, für sich genommen schon Grund genug, hierher zu fahren". Lob gibt es auch für Paulo Sorrentinos Il divo: "Eine grandiose Polit-Satire, deren einziger Haken darin liegt, dass selbst ihre absurdesten Details, oder gerade sie, die wahrsten sind". Il divo sei "einer der leichten Favoriten für die Goldene Palme. Einer wird gewinnen am Sonntag - soviel ist klar. Aber ohne eindeutige Favoriten biegen die Filmfestspiele von Cannes nun in die Zielgerade ein".

In der Welt kommt ein "Schüler-Nachwuchskritiker" zu Wort, der sich über zu wenig Klopapier im Hotel beschwert.