Cannes 2008 - 3. Tag
Filme von Steve McQueen, Arnaud Desplechin, Nuril Bilge Ceylan, Jerzy Skolimowski, Carlos Saura, Ari Folman, Andreas Dresen, Jan Speckenbach und Emily Atef.
"Knast statt Bombast heißt in diesem Jahr die Devise des Festivals", meint Lars-Oliver Beier vom Spiegel, der mit Hunger, Steve McQueens Drama über inhaftierte IRA-Terroristen in den achtziger Jahren, bereits den dritten Gefängnisfilm sah (in der Nebenreihe "Un Certain Regard"). Immer wieder finde McQueen für deren Widerstand "neue, eindringliche Bilder".
Un Conte de Noël von Arnaud Desplechin hält der Kritiker für eine "seltsame Mischung aus Komödie und Rührstück" mit "etwas wirrer Geschichte".
Nuril Bilge Ceylans Wettbewerbsbeitrag Üç Maymun hingegen sei ein "packendes Familiendrama (...), in dem wenig geredet und viel verschwiegen wird" und das "überaus spannend und bewegend" sei.
Auch Cristina Nord von der taz hat den Trend "Gefängnisfilm" erkannt und überschreibt ihren Artikel mit "Filme über Körper in Knästen". Sie geht aber nur auf Steve McQueens Spielfilmdebüt näher ein und schreibt: "Man kann Hunger sicherlich den Vorwurf machen, manieristisch zu sein; aber dieser Manierismus wird aufgefangen durch die Konkretion des Kamerablicks und durch die Einsichten, die daraus folgen. In einer langen Sequenz etwa sprechen ein Priester und der radikalste der Häftlinge miteinander; die erste Einstellung dieses Gesprächs bleibt für circa acht Minuten ohne Schnitt; man begreift in dieser Zeit, dass hier zwei unversöhnliche Prinzipien miteinander ringen und was das kostet."
Verena Lueken von der FAZ hat in der Reihe "Quinzaine des Réalisateurs" Jerzy Skolimowskis Comeback nach 17 Jahren, Vier Nächte mit Anna (Cztery noce z Anna), gesehen: "Es passieren schreckliche Sachen und sehr komische, aber nichts scheint willkürlich, und die Einzelteile fügen sich selbstverständlich im Lauf des Films zu einer Geschichte: der Liebesgeschichte eines Trottels zu einer blonden Frau, die wir fast immer nur schlafend sehen. Es ist eine hoffnungslose Liebe, von Anfang an. Skolimowski erzählt sie uns mit nur ganz wenigen Wörtern, aber mit genauem Blick für die Größe des Gefühls und die Komik, die unausweichlich mit ihr kommt."
Über Steve McQueens Film Hunger urteilt sie: "Ein starkes Debüt für einen Künstler, der sagt, er wolle weiterhin Filme drehen."
Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel schreibt zunächst über Peppermint Frappé von Carlos Saura, der mit 40 Jahren Verspätung seine Premiere in Cannes erlebte, nachdem Saura selbst im wilden Festivaljahr 1968 die Aufführung unter körperlichem Einsatz verhinderte. Der Film "ermüdet über weite Strecken als galante Komödie, findet aber in ein Finale, das schön garstig ins Chabroleske hinüberspielt" so Schulz-Ojala.
Über den israelischen Wettbewerbsbeitrag meint er: "Der Dokumentarist Ari Folman hat in dem animierten Dokumentarfilm Waltz With Bashir für seine zeithistorische Vergewisserungsarbeit eine bestechend schlüssige Form gefunden – und stellt, am Beispiel der israelischen Libanon-Invasion 1982 und der Besetzung Beiruts, ohne Scheu Fragen nach individueller und staatlicher Schuld. (...) Waltz With Bashir ist aufregend, bewegend, allseitig klug: Keine Jury der Welt kann an einem solchen Film vorbei, am wenigsten wohl die Cannes-Jury unter dem politischen Feuerkopf Sean Penn."
Zwei weitere Wettbewerbsfilme kontrastiert Schulz-Ojala folgendermaßen: "Anders als etwa der Franzose Arnaud Desplechin, der anderntags in seinem Wettbewerbsfilm Un conte de Noel auch dramatische Familiennöte nervtötend zerquasseln lässt, sagen die Helden von Three Monkeys, allen voran die fantastische Hatice Aslan, einander fast alles durch Blicke, Gesten, Bewegungen. Bis zum Happy End, wie es im derzeitigen Autorenkino wohl kaum jemandem so donnernd wie Nuri Bilge Ceylan gelingt."
Die Frankfurter Rundschau bringt einen dpa-Bericht über Andreas Dresens Film Wolke 9, der bei seiner Premiere in der Reihe "Un certain regard" "begeistert gefeiert" worden sei. Ein weiterer dpa-Artikel in der Frankfurter Rundschau beschäftigt sich mit dem 30-minütigen Kurzfilm Gestern in Eden von Jan Speckenbach, der in der Studentenfilmsektion "Cinéfondation" gezeigt wird. in einem dpa-Artikel schließlich, den der Tagesspiegel bringt, geht es um Das Fremde in mir der Berlinerin Emily Atef, der in der Nebenreihe "Critic's Week" lief.
Die Welt lässt "Menschen, die mitten drin sind im Rummel" von Cannes, für sich über diesen Rummel schreiben, darunter Michael Schmid-Ospach, Geschäftsführer der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen. 75 Fotos bebildern das Ganze.
