Cannes 2008 - 7. Tag
Heute stehen die Filme von Clint Eastwood, Pablo Trapero, James Gray, Emir Kusturica, James Toback, Jia Zhangke, Raymond Depardon, Dardenne-Brüdern und (schon wieder) Steven Spielberg im Mittelpunkt. Außerdem Filme von Arnaud Deplechin, Nuri Bilge Ceylan und Fernando Mereilles.
Für Hanns-Georg Rodek von der Welt zeigt Cannes in diesem Jahr viele Filme "mit beeindruckenden Rollen für Frauen" - zum Beispiel Angelina Jolie in Clint Eastwoods Wettbewerbsbeitrag The Exchange, Martina Gusman in Pablo Traperos Leonera, Arta Dobroshi in La Silence de Lorna der Brüder Dardenne. Eastwoods Film verdanke viel seinem Drehbuch, das "souverän mehrere Höhepunkte verteilt und ein Ende zustande bringt, das weder Happyend noch Verzweiflung pur ist, sondern einen klugen, wahren Mittelweg findet". Außerdem verreißt der Kritiker Two Lovers von James Gray, dessen von Joaquin Phoenix verkörperte Figur so schwach sei, dass sie "nicht einmal die Bezeichnung Antiheld" verdiene, Gwyneth Paltrow "heult zu viel", und man wünsche zum Ende hin, "Phoenix’ Selbstmordversuch am Anfang wäre gelungen". Kurz erwähnt werden zwei Filme über zwei "Prachtkerle": James Tobacks Boxerfilm Tyson und Emir Kusturica Maradona by Kusturica.
Andreas Borcholte von Spiegel Online staunt über die Dardenne-Brüder: Ihr Film Le silence de Lorna ende "bei aller Tristesse moderner Lebensverhältnisse" auf einer "überraschend positiven Note"; sie hätten eine "reelle Chance", ihre dritte Goldene Palme zu bekommen. The Exchange von Clint Eastwood erzähle eine "mysteriöse, verstörende Geschichte über Polizei-Willkür, Serienkiller-Gewalt und unbeirrbare Mutterliebe", entfalte ein "vielschichtiges Tableau unterschiedlichster Ebenen", und auch dieser Film komme am Ende zu einer "halbwegs hoffnungsvollen Auflösung". Two Lovers von James Gray sei "lustvoll mit allerlei Hommagen an Kino-Klassiker wie Lubitsch und Hitchcock ausgestattet", und dank des beherzten Agierens der Hauptdarsteller schramme der Film "am Schicksal einer schnöden 'romantic comedy' mit großen Stars" vorbei und bleibe bis zum optimistischen Ende sehenswert.
Bert Rabhandl schreibt in der taz über 24 City von Jia Zhangke, der mit Still Life bekannt wurde: " 24 City ist ein gespielter Dokumentarfilm, nirgendwo sonst im Weltkino werden derzeit die Übergänge zwischen dem Fiktionalen und den Realitäten so belanglos wie bei Jia Zhangke, der im Grunde der Geschichtsschreiber der chinesischen Gegenwart ist".
Cristina Nord von der taz bemerkt zu Jia Zhangkes Film: "Was der Regisseur in Still Life und Dong noch weitgehend auseinanderhielt, Fiktion und Dokumentation, fließt hier ineinander, um sich wechselseitig zu verstärken". Raymond Depardon hat mit La vie moderne den dritten Teil eines Langzeitprojekts vorgstellt, in dem er seit Ende der 1990er-Jahre Bauern porträtiert, "die sich der industriellen Landwirtschaft verweigern"; es sind Menschen, "die wissen, dass es ihr Metier bald nicht mehr geben wird. Aber sie sind trotzig, stur und ziemlich witzig, selbst dann noch, wenn sie ihre Kühe verkaufen oder schwerhörig werden".
Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung fand James Tobacks Dokumentation Tyson, die außer Konkurrenz zu sehen, gut, denn sie sei keine "Enthüllungsbeichte einer ohrverspeisenden Witzfigur", sondern eine "genuin tragische Künstlerbiographie". Und Jean-Pierre und Luc Dardenne hätten sich mit ihrem neuen Film selbst übertroffen: In La Silence de Lorna entfalten sie "mit leiser Entschlossenheit und äußerster Ökonomie eine dramatische Geschichte - und vertrauen dabei ganz auf das stoische Gesicht einer jungen Frau". Dies sei "nicht nur der beste Film, der bisher im Wettbewerb zu sehen war - sein unentrinnbarer Sog zu einem beinah mythischen Ende übertrifft an Tragik und Schönheit auch alles, was die Dardenne-Brüder hier schon zeigten".
Für Dirk Knipphals von der taz ist der neue Indiana Jones von Steven Spielberg "der fehlgeschlagene Versuch, einen erreichten ästhetischen Stand bewahrend zu rekonstruieren". Der ganze Film wirke "über weite Strecken unentspannt" und bringe wirklich Spaß nur dann, sobald man "den gigantischen Etat des Films auf der Leinwand förmlich verbrennen sieht".
Regisseur Andreas Dresen schreibt in der Welt "über das Glück, zum ersten Mal in Cannes dabei zu sein".
Rüdiger Suchsland ( artechock) kann Un conte de noel von Arnaud Deplechin "gar nicht genug loben" und ist bezaubert von Hauptdarstellerin Catherine Deneuve. Es sei der bisher beste Film im Wettbewerb, der in diesem Jahr ein hohes Niveau habe aber auch etwas "schwerblütig" sei. So sei Nuri Bilge Ceylans Film Die drei Affen "ein Ehezerfleischungsdrama, mit viel Männerschweiß, und abwechselnd bedeutungsvoller Stille und Schreierei - im Unterschied zu Deplechin in fast zu schönen Bildern überaus schwere Kost. Den Eröffnungsfilm Blindness von Fernando Mereilles fand Suchsland "fürchterlich kitschig, und auch ansonsten eher fragwürdig". Waltz with Bashir von Ari Folman (Israel) sei dagegen "eine präzise historische Dokumentation, erzählt aber zugleich etwas Universales: Die Entmenschlichung im Krieg, der sich Soldaten keiner Armee entziehen können, und die den Film brennend aktuell macht."
