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Aktualisiert am 22.05.2008

Cannes 2008 - 8. Tag

Halbzeit in Cannes - die Kritiker ziehen Zwischenbilanz und bewerten die Filme von Clint Eastwood, den Dardenne-Brüdern, Ursula Meier, Walter Salles, Raymond Depardon, Woody Allen, Albert Serra, Ruben Östlund, Lisandro Alonso, Lucrecia Martel, Kornel Mondruczo, Matteo Garrone, Ari Folman, Emir Kusturica, Arnaud Desplechin, Andreas Dresen, Brillante Mendoza, James Toback und anderen ...

Cannes 2008 Plakat

Christoph Egger von der NZZ meint, anders als im vergangenen Jahr hat die diesjährige Auswahl im Wettbewerb "bisher noch nichts Herausragendes zutage gefördert". Clint Eastwoods The Exchange beispielsweise sei "sogenannt solides Kino, das seine Wirkung aus einem 'strong case' gewinnt". Zwei der künstlerisch herausragendsten Arbeiten hat der Kritiker Sektion "Un certain regard" gesehen: Hunger von Steve McQueen und Die Unfreiwilligen (De ofrivilliga) des Schweden Ruben Östlund. Gelungen sei auch Ursula Meiers erster Spielfilm Home mit Isabelle Huppert, eine bei dieser "bisher doch eher dem 'Realismus' zugeneigten Filmerin überraschend spielerische und trotzdem nicht ins Beliebige abdriftende ernste Komödie des Absurden".

Cristina Nord schrebt in der taz über die Sektion "Quinzaine des Réalisateurs", die heuer ihr 40-jähriges Jubiläum feiert. Albert Serra zeigte seinen Schwarz-Weiß-Film El cant dels ocells (Der Gesang der Vögel), der die biblische Geschichte der Heiligen Drei Könige in "traumartige Bilder" überführt. Der Film sei "reines, interesseloses Spiel, ohne Zweck und Absicht, und gehört, so man die nötige Muße mitbringt, zum Schönsten, was in Cannes zu sehen ist". Der Argentinier Lisandro Alsonso, der zu den "eigensinnigen Köpfen im Weltkino" zähle, beweise in Liverpool erneut seine "Sensibilität für Farbe, für Licht, für Rhythmus und Details".

Michael Althen von der FAZ vergleicht La silence de Lorna von Luc und Jean-Pierre Dardenne mit Clint Eastwoods Changeling: "So verschieden die beiden Filme auch sein mögen, so geschickt gelingt es beiden, hinter dem Einzelschicksal ein Gesellschaftsporträt zu zeichnen, in dem eine ganze Epoche sichtbar wird". Beide Filme "fesseln einen von der ersten Minute an und lassen einen nicht mehr los. Das verdanken sie einer erzählerischen Ökonomie, die Räume öffnet für den Blick aufs Wesentliche".

"Auch die Filme dieses Cannes-Jahrgangs gucken vor allem aufs Schlimme, mit wechselnden künstlerischen Ergebnissen", schreibt Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel; "flammendste Anklagen" führten "selten zu Meisterwerken". Gomorra von Matteo Garrone zum Beispiel türme in einem "Halbdutzend wacklig verschränkter Spielhandlungen (...) alle Klischees des Mafiafilms aufeinander" und zeige sich selber "wie berauscht von der Gewalt, die er anklagen wollte". Clint Eastwoods Exchange gefiel dem Kritiker nur etwas besser, weil er ein "elegant ausgepinseltes period piece" sei, aber am besten funtioniere er dann doch noch als "Tränenzieher" funktioniere. Viel subtiler sei Walter Salles mit seiner Favela-Parabel Linha de Passe, "viel feiner und erschütternder auch als Fernando Meirelles Sittenbild City of God." Le silence de Lorna mag "nicht der stärkste der in ihrer sozialen Präzision und individuellen Zeichnung stets starken Dardenne-Filme" sein, den "bislang enttäuschenden Wettbewerb in Cannes überragt er allemal: mit einer umwerfend einfachen Geschichte, in der das Leben seinen eigenen Regeln dazwischenkommt".

Katja Nicodemus ( Zeit) lobt die Filme von Matteo Garrone und Ari Folman: "In seiner erschütternden Nüchternheit ist Gomorra ein neuartiger Mafia-Film, so wie Waltz with Bashir eine neue Form der Kriegsdarstellung erfindet." Auch Woody Allen habe seinem alten Thema neue Facetten abgewonnen. Außerdem hat sie Arnaud Desplechins Film Un Conte de Noël gesehen.

Susan Vahabzadeh ( Süddeutsche Zeitung) lobt Clint Eastwoods Film überschänglich. "Eastwood ist so einzigartig, weil er immer etwas ganz Grundsätzliches über die Beschaffenheit der Welt zu erzählen scheint, einen damit ganz tief berührt, aber vordergründig oder einfach ist nichts davon." Dagegen habe Matteo Garrone mit seinem Film Gomorra dem dem Film zugrunde liegenden Buch nichts hinzuzufügen. Raymond Depardons Dokumentarfilm La vie moderne über das Leben von Bauern hat ihr sehr gut gefallen.

Wolfgang Höbel ( Spiegel Online) hat Maradona by Kusturica gesehen und hat darin einige Szenen entdeckt, die "tausendmal lebendiger und aufregender sind als die allzu schwermütig kunsthubernden Filme, die der ungarische Regisseur Kornel Mondruczo ( Delta) und die Argentinierin Lucrecia Martel ( Die Frau ohne Kopf) am Dienstag im Wettbewerb von Cannes zeigten." Den Kusturica-Film fand Höbel "grandios (...) gerade wegen des zur Schau gestellten Wahnwitzes".

Rüdiger Suchsland ( artechock) lobt Gomorra von Matteo Garrone. Es sei "ein intelligenter Film, der neben dem Erwartbaren - die Kleinen müssen büßen, die Großen lässt man laufen - doch auch manches Neues bietet, und nicht zuletzt als Quasi-Dokumentation funktioniert."
Gefallen hat ihm auch James Tobacks Film Tyson. Dieser sei "virtuos, mutig und spannend". Toback gelinge "das Portrait eines sensiblen, komplexen Menschen".
Filmisch gesehen sei Wolke 9 von Andreas Dresen dessen beste Arbeit: "Sparsame Dialoge, eine diskrete, dabei direkte und neugierige Kamera, die immer noch etwas mehr zeigt und erzählt, als die Bilder sehen lassen." Es geht um Sex im Alter, und inhaltlich hat Suchsland der Film nicht so überzeugt. Brillante Mendozas Film Serbis sei dagegen "exzellent" und einer der besten im Wettbewerb. Den Hype um Indiana Jones kann sich Suchsland nur so erklären, dass "die meisten der Chefredakteure, die jetzt an den Entscheidungsinstanzen sitzen, (...) Fans seit ihrer Kindheit" sind. Er selbst vermisst Überraschungen in diesem Film.