Cannes 2008 - 9. Tag
Im Blickpunkt der heutigen Kritiken steht Steven Soderberghs Che. Außerdem geht es um die Filme von Clint Eastwood, Philippe Garrel, Atom Egoyan und Liu Fendou.
Verena Lueken von der FAZ überlegt, was das bestimmende Thema des diesjährigen Festivals sein könnte: "Wenn man von Trends nicht so viel hält und dennoch nach etwas Gemeinsamen in all den Filmen sucht, kann man sagen: So viel aktuelle Wirklichkeit im Kino wie in diesem Jahr gab es selten. Kaum Genre, kaum formale Spielereien um ihrer selbst willen, kein Zitatekino - außer bei Spielberg, das sagt ja auch schon was". Steven Soderberghs Film Che hat der Kritikerin nicht gefallen: "Selbst in normaler Länge wäre der Film ein Langweiler, mit viereinhalb Stunden Dauer ist er dazu noch anstrengend, ohne dem Zuschauer für sein Durchhalten irgendetwas zurückzugeben außer dem Eindruck, dass Revolution zu machen ein ziemlich hartes Geschäft ist".
Auch Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau ist enttäuscht von Soderberghs Film: "Es ist zum einen diese merkwürdige Mischung aus enervierender Ausführlichkeit und geradezu kaltschnäuziger Flüchtigkeit, die diese Filmbiographie zu einer frustrierenden Seherfahrung macht"; zum anderen sei es die "ästhetisch fatale Entscheidung, einen Film, der fast nur aus Außenaufnahmen besteht, im Videoformat HD zu drehen". Zum Festival im Allgemeinen bemerkt der Kritiker: "Weitgehend glücklos wirkt leider auch der im letzten Jahr so bravuröse Programmchef dieses Festivals, Thierry Frémaux. An Blüten ist seine Auslese nach zwei Dritteln Festivaldauer jedenfalls nicht reicher geworden als eine durchschnittliche Berlinale". Immerhin gab es ja Clint Eastwoods Changeling, der zwar nicht der "originellste Film der Welt" sei, aber "einer ohne jeden Tadel".
Wolfgang Höbel von Spiegel Online bemerkt zu Soderberghs Film, geradezu "aufdringlich undramatisch" erzähle Che vom "vermeintlich aufregendsten Heldenleben der 1950er und 60er Jahre". Benicio del Toros Bemühen, sich dem historischen Vorbild anzugleichen, erzeuge beim Zuschauen das Gefühl, man betrachte eine Fototapete". Der sret Teil des Films sei das "allenfalls mittelprächtig unterhaltsame Unterrichtsexperiment eines cineastischen Vertrauenslehrers, der sich aller moralischer Wertungen strikt enthält", der zweite, bolivianische Teil des Films sei dann nur noch "streng exerziertes Konzeptkino". Der Franzose Philippe Garrel pflege in La frontière de l'aube eine andere, aber Soderbergh "durchaus verwandte Verweigerungshaltung gegenüber den vertrauten Erzählweisen des Kinos"; er erzähle "merkwürdig, ja manchmal lächerlich gestelzt und doch hinreißend schön noch mal die Story der zwei Liebenden, die erst im Tod wirklich zueinander finden". Atom Egoyans Film Adoration könne man vorwerfen, er biete "schieren Kitsch"; auf "ungeheuer verdrehte Art" werde erzählt, "schaurig überladen" sei das "monumentale Familiendrama" und lasse den Zuschauer "reichlich unberührt".
Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung fand Che ziemlich interessant: "So schnell springt Soderbergh ins komplexe Geschehen, über Länder, Schauplätze und Zeiten hinweg, dass bald klar wird: Das hier wird einmal mehr eines seiner kompromisslosen Filmexperimente". Was als "Karriere-Meilenstein und als heißestes Projekt des Filmjahrgangs 2008 in Cannes" begann, verwandele sich zum Schluss in eine "völlig andere Erfahrung", die "nur noch nach ihren eigenen Regeln funktioniert".
Cristina Nord von der taz weiß, dass Soderberghs Film über 70 Millionen Dollar gekostet hat, und man könne "nicht sagen, dass dieses Geld verbrannt worden wäre. Immerhin sieht Che gut aus." Außerdem spreche für den Film, dass Soderbergh ein "klar erkennbares Konzept" habe, das allerdings "zu einfältig" sei, um viereinhalb Stunden Filmzeit zu tragen. Che sei das, "was die Vita der Hauptfigur ganz sicher nicht war: langweilig".
Hanns-Georg Rodek von der Welt meint, die zwei Teile von Soderberghs Film müssten "tatsächlich hintereinander gesehen werden", weil sie einen "scharfen Kontrast bilden, rasanter Gipfelsturm und qualvoller Abstieg". Eine "umfassende Durchquerung von Guevaras Leben" gebe es nicht zu sehen, dafür eine "Lektion im Führen eines Dschungel-Guerillakrieges". Rätselhaft bleibe, was "um Himmels Willen" während der angeblich siebenjährigen Recherche über Che recherchiert worden sei, denn man bekomme "weitgehend das Heiligenabziehbild von St. Revoluzionario zu sehen".
Rüdiger Suchsland schreibt in seinem Cannes-Tagebuch bei artechock über Ocean Flame von Liu Fendou: "Solides Hongkong-Gangsterkino von eher schwachem Durchschnitt" mit "relativ freizügigen Sex-Szenen", aber über "schöne Oberflächen und Darsteller hinaus" biete er wenig, weil alles "zu glatt, zu sehr aus dritter Hand, zu sehr wie ein Werbefilm" aussehe. Adoration von Atom Egoyan habe einen tollen Plot, aber zu viel "Arthouse-Glätte" und sei "etwas langatmig und arg symbolistisch". Bei dem "gelungenen Thriller" Changeling hatte der Kritiker den Eindruck, Eastwood würde geardezu um die Goldene Palme "betteln", so glatt sei die Regie. Angelina Jolie sei hier "besser als ihr Ruf", aber nicht wirklich überzeugend; Eastwood inszeniere sie "zu ätherisch, zu sehr strahlend und nicht von dieser Welt inszeniert. Wenn sie die Leinwand betritt, schimmert der Schmalz durch die Bilder, jeder Auftritt ist eine Ankündigung".
Der Berichterstatter von dpa hat noch keinen klaren Favoriten für die Goldene Palme ausgemacht, wie in der Frankfurter Rundschau zu lesen ist. Laut den täglichen Kritikerumfragen lägen Clint Eastwood, Nuri Bilge Ceylan und die Brüder Dardenne aussichtsreich im Rennen.
