Cannes 2008 - Nachlese
Die Preise sind vergeben: Die Goldene Palme geht an Entre les murs von Laurent Cantet. Neben diesem geht es auch noch um die Filme von Paolo Sorrentino, Matteo Garrone, Charlie Kaufman, Atom Egoyan, Wim Wenders, Barry Levinson, Marina Zenovich und Steven Soderbergh.
Die Festivalbilanz der Kritiker fällt weniger euphorisch aus als im letzten Jahr.
Der französische Film Entre les murs von Laurent Cantet hat die Goldene Palme gewonnen. Der Große Preis der Jury ging an Gomorra von Matteo Garrone, Paolo Sorrentinos Il Divo erhielt den Preis der Jury. Für die beste Regie wurde Regisseur Nuri Bilge Ceylan für Üc Maymun ausgezeichnet, die Dardenne-Brüder gewannen den Drehbuchpreis. Die Darstellerpreise gingen an Benicio Del Toro und Sandra Corveloni. Agenturmeldungen veröffentlichen unter anderen die FAZ, die Frankfurter Rundschau, die Welt und Spiegel Online.
Jan Schulz-Ojala kommentiert im Tagesspiegel die Juryentscheidungen. Für ihn sind alle drei Hauptpreisträger "sowas von dicht an der sozialen und auch politischen Wirklichkeit dieser Zeit, dichter geht's nicht". Laurent Cantets dokumentarisch anmutendes Schuldrama Entre les murs sei "packend", habe so ziemlich jedem auf dem Festival gefallen und sich so für die Goldene Palme als "versöhnlichste Wahl" empfohlen; Paolo Sorrentinos Il divo brilliere als "hochartifizielle Studie über den Missbrauch der Maccht"; Gomorrha von Matteo Garrone klage einmal mehr die Machenschaften der Mafia an, allerdings mit "reichlich eigener Lust auf Pulverdampf".
Über die Nebenpreise informiert Spiegel Online; Andreas Dresen erhielt den "Sympathiepreis" für Wolke 9.
Christoph Egger zieht in der NZZ Bilanz: hatte das diesjährige Wettbewerbsprogramm "keinen herausragenden" Film vorzuweisen, aber "viel Gutes, manch 'Interessantes' und einiges, das allenfalls Exotenstatus beanspruchen durfte". Über Charlie Kaufmans Regiedebüt Synecdoche, New York lesen wir, Kaufman sei "sichtlich darum bemüht, seinem Ruf als vertracktester Geschichtenverdreher gerecht zu werden". Der anfängliche Witz verpuffe schnell, und die Farce laufe "aus dem Ruder". Atom Egoyans Adoration sei zwar "sehr viel kontrollierter", aber der Film stranguliere sich "auch zunehmend selber". Entre les murs von den Laurent Cantet biete ein "Kino der Unmittelbarkeit, wie es diesmal nicht einmal die Brüder Dardenne zustande gebracht haben". Bei Wim Wenders äussere sich die "Prätention" vor allem durch die "Neigung, 'letzte' Fragen bedeutungsvoll zu zerreden"; das tun seine Figuren in Palermo Shooting "wieder mit Hingabe und auf jene spezifisch deutsche Art, der jeder Gedanke an Ironie ein Sakrileg wäre". Zu Steven Soderberghs Che bemerkt Egger: "So schleicht sich das alte Hollywood, das zunächst durch die experimentelle Bildsprache und konsequente Verwendung des Spanischen überwunden schien, durch eine unglaubliche Naivität im Politischen eben doch wieder durch die Hintertür ein". Paolo Sorrentino entwerfe in Il divo ein "im doppelten Wortsinn fabelhaftes Porträt Giulio Andreottis, das Analyse und Satire zu trennen nicht gewillt ist und angesichts der realen Verhältnisse nur immer wieder in der Groteske kulminieren kann".
"Es gab sie durchaus, die guten Filme im 61. Cannes-Jahrgang, doch man musste danach suchen", meint Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau rückblickend. Auch in diesem "schwachen Jahrgang" habe es Werke gegeben, die "nicht nur komplexe ethische Fragen aufwerfen, sondern auch ästhetisch neue Wege gehen" zum Beispiel Tulpan von Sergei Dvortsevoy, Waltz with Bashir von Ari Folman oder Hunger von Steve McQueen.
Verena Lueken von der FAZfindet die Vergabe der Goldenen Palme an Laurent Cantets Entre les murs überraschend, aber nicht unverdient, denn der Film vermittele auf "ganz unspektakuläre Weise das Gefühl, dass Verständigung, Lernen und gegenseitiger Respekt in den Schulen unserer Tage nicht völlig utopisch sind". Das Festival habe in diesem Jahr erstaunlich viele politische Filme gezeigt: "Introspektion ist out, so schien es, dem Zustand der Welt gilt das Interesse der meisten Filmemacher".
Cristina Nord von der taz lobt die Entscheidungen der Jury: sie habe gut daran getan, Cantets Film auszuzeichnen, denn Entre les murs sei ein "starker Schlussakkord für ein fast durchweg starkes Festival" gewesen. Überhaupt habe sich das französische Kino in diesem Jahr in Cannes "so vital und vielgestaltig wie selten" präsentiert.
Susan Vahabzadeh von der Süddeutschen Zeitung schreibt über Cantets Film: "Der Film balanciert kunstvoll am Rande des Dokumentarfilms, so kunstvoll, dass man sich fragen muss, wie Cantet, sein Autor und Hauptdarsteller François Bégaudeau und ein Haufen Schulkinder das zum Teufel hinbekommen haben". Er erzähle seine Geschichte "vorurteilsfrei und unparteiisch, und ohne jeden Lösungsansatz - gerade das macht seinen Film so aufwühlend, dass er nichts simplifiziert und die Sehnsucht nach Schuldzuweisungen nicht erfüllt". Der Abschlussfilm What Just Happened? von Barry Levinson sei eine "witzig erzählte, aber eigentlich bittere Hollywoodstory", und Roman Polanski: Wanted and Desired von Marina Zenovich sei das, "was Charlie Kaufmans Synecdoche, New York im Wettbewerb hat werden wollen".
Andreas Borcholte von Spiegel Online ergürndet die schwache Präsenz des US-Kinos beim diesjährigen Festival: es habe "mehr denn je nur dem einen Zweck" gedient - "Glamour und Stars nach Cannes zu bringen". In Cannes mache sich "kaum noch jemand die Mühe", die "Diskrepanz zwischen engagiertem Autorenkino und eskapistischer Glamour-Welt zu vertuschen. In Cannes tauschen Realität und Fiktion die Rollen; immer dokumentarischer bilden die Regisseure das soziale Elend unseres Alltags ab, immer unwirklicher wird dagegen der Rummel um ein paar bekannte Gesichter und schöne Roben auf dem roten Teppich vor dem Palais". Zur Preisvergabe bemerkt der Kritiker: "Die Goldene Palme für Laurent Cantets realistisches Schuldrama Entre les murs ist eine Konsens-Entscheidung, wie sie Cannes lange nicht erlebt hat". Aber die meisten Entscheidungen der Jury seien "nachvollziehbar und geben ein klares Votum für das aufklärerische Kino Europas ab". Zu Recht vernachlässigt wurden Filme, "die traditionellen Erzählformen folgten und versuchten, der Welt eine Erklärung, wenn nicht gar ein Happy End aufzupressen".
"Der diesjährige Wettbewerb ist besser, als er in den Texten mancher Kollegen erscheint", schreibt Rüdiger Suchsland bei artechock; das Problem sei aber eine "grundsätzliche Gleichförmigkeit der Filme, in ihren Themen, aber dummerweise auch ästhetisch" - es gab viele "eher bleierne, düstere oder den Arthouse-Konventionen entsprechende Filme".
