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CANNES 2009

Nachlese
Die Kritiker und Kritikerinnen ziehen in ihren Artikeln - unter mehr oder weniger geistvollen Überschriften - Bilanz: Frankfurter Rundschau ("Film als Beute"), Süddeutscher Zeitung ("Österreicher sind die besseren Deutschen"), FAZ ("Alle Gewalt geht vom Kino aus"), Tagesspiegel ("Cannes spricht deutsch"), Welt ("In Cannes triumphiert der Autorenfilm"). und NZZ ("Kinder- und andere Geschichten").

In einer zweiten Runde resümieren die taz, die FAZ und die Süddeutsche Zeitung (nochmals) das Festival.

Cristina Nord von der taz, bei Hanekes Film übertrage sich "die Enge der Verhältnisse bisweilen auf den Film, die Autoritätskritik Hanekes wirkt umso autoritärer, je unbarmherziger, je rigider sie vorgetragen wird". Auch andere namhafte Regisseure seien "nicht mit ihren besten Arbeiten" an die Côte dAzur gereist, zum Beispiel Pedro Almodóvar, dessen Film sich "in den Schlaufen und den vielen Zeitebenen des ambitionierten Drehbuchs" verlor - "es fehlte etwas, was den Reigen der Figuren zusammengehalten hätte". Ang Lee habe in Taking Woodstock nicht zur "gewohnten Subtilität" gefunden. Zu viel Bewährtes "raubt einem Festival die Luft zum Atem", das habe auch der Direktor Thierry Frémaux gewusst und deshalb drei "Provokationen" in den Wettbewerb eingefügt, nämlich die Filme von Lars von Trier, Brillante Mendozas und Gaspar Noé, dessen "Post-mortem-Fantasie" Enter the Void der "ärgerlichste der Schockfilme" gewesen sei, ein "Machwerk aus rotstichigen Bildern, subjektiver Kamera, drogeninduzierten Farbmustern, Sex und Gewalt". Die Nebenreihen "Un certain regard" und "Quinzaine des Réalisateurs" hätten von der " konservativen Ausrichtung" des Wettbewerbs profitiert und in diesem Jahr eine "reiche, vielgestaltige Auswahl" geboten, die beweise, dass das Autorenkino nicht tot sei.
Auch Ulrich Gregor von der Welt hat viele beeindruckende Filme in der Reihe "Un certain regard" gesehen.

Verena Lueken von der FAZ hat ein gutes Festival erlebt: "Es gab selten einen derart starken Jahrgang in Cannes. Fast keiner der Filme im offiziellen Programm ließ einen kalt, und dass am Ende ein großartiger wie Jane Campions Bright Star oder ein perfekter wie Johnnie Tos Vengeance leer ausgingen, ohne dass man sagen könnte, welcher der Preisfilme denn für sie hätte Platz machen sollen, das ist schon ein Zeichen für einen außerordentlich gut besetzten Wettbewerb".

Große Aufmerksamkeit erfährt der für die beste Schauspielerleistung ausgezeichnete Christoph Waltz: Die Welt hat ein Interview mit ihm geführt, die taz, die FAZ und die Frankfurter Rundschau (dpa) porträtieren ihn.

Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau meint, Das weiße Band von Michael Haneke "glänzte am Ende golden, weil in einem überdurchschnittlichen Wettbewerb doch kein überragendes Meisterwerk auszumachen war. Wieder einmal gewinnt damit ein anerkannter Protagonist des Weltkinos für einen Film, der nicht sein bester ist". Leider sei es inzwischen "auch in Cannes so, dass man die besten Filme nicht mehr im Wettbewerb findet". Der "aufregendste Film des Festivals" war für Kothenschulte das in einer Nebenreihe gezeigte Psychodrama Kynodontas des Griechen Giorgos Lanthimos. Was politisches Kino wert ist, "wenn es nicht nur politisiert", habe der rumänische Beitrag Politist, adjejktiv von Corneliu Porumboiu gezeigt.

Susan Vahabzadeh von der Süddeutschen Zeitung klingt etwas ernüchtert: "Dieser All-Star-Wettbewerb sah vorher auf dem Papier spannender aus, als er dann wirklich war. Jeder Wettbewerb hängt irgendwann durch, zwanzig Meisterwerke hat keine Filmsaison zu bieten". Das Hauptprogramm sei in "sehnsuchtsvolle Romantik" einerseits - Campions Bright Star, Almodóvars Zerrissene Umarmungen - und "ungeheure Brutalität" andererseits, wie bei Tarantino oder in Park Chan-Wooks Vampirfilm Thirst - zerfallen.

Für Verena Lueken von der FAZ war "Gewalt das beherrschende Thema des Festivals, und zwar in jeder Form. In der Familie. Zwischen den Geschlechtern. Unter Banden. Ausgelöst von übersinnlichen Mächten. Oder von der Polizei. Körperliche Versehrung, sexuelle Gewalt, psychische Grausamkeit, Selbstzerstörung, Krieg". Verallgemeinerungen seien "immer heikel", aber irgendwann im Verlauf des Festivals "drängte sich der Verdacht auf, dass in all der Gewalt, die wir gesehen hatten, eine untergründige Aggression gegen Frauen ihr Ventil fand. Sie wurden geschlagen, abgestochen, erwürgt, zerstückelt, gedemütigt, verjagt, missbraucht, schamlos ausgestellt".

Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel glaubt, es sei "sicher keine nationalistische Attitüde, sich an diesem subtropisch heißen Vorsommerabend in Cannes vor allem für Deutschland zu freuen", denn Das weiße Band "wurde federführend von den Berliner X-Filmern produziert und komplett in Deutschland gedreht", die Schauspieler seien "überwiegend Deutsche". Eine Palme für einen in deutscher Sprache und mit "sehr deutschem Thema" gedrehten Film sei "so überwältigend wie sensationell".

Für Hanns-Georg Rodek von der Welt ist Das weiße Band "ein exzellenter Film und würdiger Preisträger in einem hervorragenden Jahrgang". Das "wichtigste Kulturereignis der Welt" habe eines deutlich gezeigt: "Hollywood mag momentan auf neue Spektakel aus dem Computer und durch die 3D-Brille setzen – aber der Autorenfilm ist lebendig – und unentbehrlich." Genre- und Kunstfilm, das sei die Erkenntnis der Cannes-Ausgabe Nr. 62, "können einander befruchten". Das "innovativste visuelle Konzept, das wir im Kino seit langem sahen", stamme von einem Autorenfilmer, nämlich von Gaspar Noé (Enter the Void).

Christoph Egger von der NZZ lobt die "ausgezeichnete, vielfältige" Filmauswahl. Zum Gewinner des Hauptpreises bemerkt der Kritiker: "Was die Plansequenz mit fixer Kamera an verstärkender Wirkung zu entfalten vermag, wenn sie radikal durchdacht eingesetzt wird, das demonstrierte auf schlechthin magistrale Weise der künstlerische und gedankliche Höhepunkt des Festivals, Michael Hanekes Das weisse Band." "Unerhört und zumal durch seine Menge in der Filmgeschichte ohne Beispiel" sei, was wir hier an "subtilsten Kinderporträts zu sehen bekommen, an Einblicken in eine gleicherweise rührende wie heimlich-unheimlich verschwiegene Welt". An Quentin Tarantinos "Farce" Inglourious Basterds sei überraschend, "wie sorgfältig Tarantino gearbeitet hat – nicht in Bezug auf historische Genauigkeit oder 'Wahrhaftigkeit'", vielmehr in Bezug auf die "Sorgfalt, die er an die Sprache gewendet hat, das sichtliche Vergnügen, mit dem er seinem amerikanischen Publikum höchst elaborierte Passagen auf Französisch, vorzugsweise aber auf Deutsch vorsetzt".

12. Tag
Die Goldene Palme hat Michael Haneke mit seinem Film Das weiße Band gewonnen. Als bester Darsteller wurde Christoph Waltz für seine Darbietung in Inglourious Basterds von Quentin Tarantino ausgezeichnet, die beste weibliche Darstellerin war nach Ansicht der Jury Charlotte Gainsbourg, die in Antichrist von Lars von Trier mitwirkt. Der "Große Preis der Jury" ging an Jacques Audiard für Un Prophète, den "Preis der Jury" teilen sich Andrea Arnold für Fish Tank und Park Chan-wook für Thirst. Die entsprechende Agenturmeldung findet sich zum Beispiel in der FAZ.

11. Tag
Erste Resümees und die Filme von Gaspar Noe, Terry Gilliam, Tsai Ming-liang

Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel schreibt in seinem Resümee: "Tatsächlich hat das Festival seinen Gästen, allen voran der Jury, diesmal ein enormes Pensum abverlangt. Immer wieder schickte es sie auf Horrortrips durch Gewalt und Extrem-Sex oder beidem in einem, ob in Thriller oder Melodram oder beidem in einem". Gaspar Noes "unendlicher Albtraum-Cocktail" Enter the Void sei einer dieser Filme - eine "narrativ minimalistische, aber ästhetisch umso aufwendigere Tour de Force", die eine "im Kino so noch nie gesehene Imagination eines Sterbens" zeige. Herausragend sei der "anregende Croisette-Jahrgang 2009" vor allem wegen des "Getöses" gewesen, das um wenige seiner Wettbewerbsbeiträge entstand. Filme, die "zwecks purer Publikumsvergnügung Lachsalven provozieren", hätten es schwerer - "eine Palme für eine Komödie: Ja, das wäre revolutionär!"

Lars-Olav Beier von Spiegel Online stellt fest, dass die Filme gegen Ende des Festivals "immer länger wurden" und fleischiger: "Während die Lust am Fleisch gefeiert wurde, wurde die Fleischeslust gegeißelt wie noch nie". 2009 sei ein "mittelmäßiger Cannes-Jahrgang" gewesen, der "stark begann, aber zum Ende hin schwer nachließ".

Rüdiger Suchsland hat "einen der stärksten Wettbewerbe des letzten Jahrzehnts" erlebt. Bei artechock befasst er sich mit The Imaginarium of Doctor Parnassus, einem "typischen Terry Gilliam-Film", der "alle seine Themen vereint und vieles zeigt, was man schon langer von Gilliam kennt. Etwas Neues zeigt er hier nicht wirklich, und er hat auch schon bessere Filme gemacht, aber nach der ersten, ziemlich zähen halben Stunde ist dies ein schöner, sehr unterhaltsamer Film". Tsai Ming-liang habe unverständlicherweise viele Fans unter Filmkritikern, mit Visage allerdings "vergällt er auch Hartgesottene unter ihnen". Gaspar Noés neuer Film Enter the Void würde die Goldene Palme gewinnen, wenn er "so schön wäre wie das Presseheft". Das sei er nicht, aber er sei "stark, sehr stark, gerade weil er zu seinem Wahnsinn steht, dazu, eine völlig subjektive Version der Wirklichkeit zu bieten, eine persönliche Sicht auf die Welt und das Dasein, also genau, was der Autorenfilm seit jeher will". Der Kritiker kommentiert außerdem die Vergabe der Nebenpreise.

10.Tag
Filme von Michael Haneke, Alain Resnais, Xavier Giannoli und Luc Moullet.
Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau bemängelt an Michael Hanekes "neuem Lehrstück" Das weiße Band, die Reduzierung der Figuren auf "wenige, exemplarische Eigenschaften" führten zu einer "unglücklichen Holzschnitthaftigkeit"; es entstehe ein "Eindruck des Gesetzten" , der "jede Empathie verhindert". Die "gleichwohl faszinierenden zweieinhalb Stunden" ließen den Zuschauer "diesmal ohne Geheimnis zurück". "Lleicht und elegant" beherrsche dagegen der "große Alain Resnais" noch immer das filmische Erzählen. In Les Herbes Folles beweise Resnais erneut, dass er das Geheimnis des Kinos "so viel besser als alle Nostalgiker" verstehe. Vielleicht ist dies sein letzter Film, "doch welch ein Abschied wäre ihm damit gelungen".

Hanns-Georg Rodek von der Welt bemerkt zu Hanekes Film, das "obrigkeitsstaatliche Denken als Erklärung für den Ersten (und Zweiten) Weltkrieg" sei "bei weitem nicht neu",allerdings habe man dies "kaum je so auf die kleinsten Einheiten der Dorf- und Familiengemeinschaft heruntergebrochen gesehen". Dem Film fehle allerdings die "hypnotische Kraft der besten Hanekes, dessen Art des Filmemachens bei begrenzten Ensembles besser zu funktionieren scheint als bei großen Tableaux". Die Geschichte von Xavier Giannolis "exzellentem" Film A l’origine Geschichte klinge eigentlich nach einer "putzigen englischen Filmkomödie", weil sie aber aus Frankreich kommt, sei sie "eher bittersüß als putzig und berichtet viel von Selbstausbeutung und blinder Hoffnung auf die da oben".

Cristina Nord von der taz hat die "halb skurrile, halb ernsthaft ethnologische Untersuchung" La terre de la folie von Luc Moullet gesehen. Wie Moullet frage auch Michael Haneke in Das weiße Band nach den "Grundlagen der Gewalt in der ländlichen Region"; in "gravitätischen Bildern" zeichne haneke nach, "wie autoritäre Strukturen aus der Nähe aussehen". Die "Ernsthaftigkeit der mise en scène" stehe dabei manchmal in einem "merkwürdigen Kontrast dazu, dass den Geheimnissen, die unter der Oberfläche der Wohlanständigkeit lauern, etwas Vorhersehbares eignet".

Die ersten Preise wurden vergeben. Der Tagesspiegel listet sie auf.
In der Welt schreibt Hannes Burchert über seine Erlebnisse in Cannes, wo er seinen Hochschulabschlussfilm Schneezeit vorstellen darf.

9. Tag
Filme von Quentin Tarantino, Alain Resnais, Michael Haneke und Ken Loach.

Für Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau ist Quentin Tarantinos Inglourious Basterds eine immer schillernder werdende "Mixtur aus Pulp- und Comicwelten", eine "großartig montierte Collage". Tarantinos "Liebe zum deutschen Unterhaltungsfilm" sei "grenzenlos". Im Fall von Christoph Waltz, der "charismatisch, dämonisch und in vier Sprachen" den Schurken gibt, "geschah am Mittwochabend in Cannes das Wunder: Ein Weltstar ist geboren".

Cristina Nord von der taz hat der Film einigen "Spaß" bereitet: "Tarantino bewegt sich wie gewohnt in einem hochartifiziellen Universum. Diese Künstlichkeit sichert ihn gegen den Vorwurf der Geschmacklosigkeit ab. Und auch wenn Inglourious Basterds dem Kino zutraut, der Ort zu sein, an dem die Welt gerettet wird, so ist der Film doch auch so smart, es hinterher in Flammen aufgehen zu lassen."

Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung zitiert eingangs Quentin Tarantinos Antwort auf die Frage "Warum Cannes?": "Weil die Filmfreaks der ganzen Welt hier versammelt sind! Weil die ganze Erwartung sich auf einen Moment, eine einzige irre Nacht konzentriert! Weil gebuht und gejubelt wird, und weil selbst in den Buhs mehr Leidenschaft für das Kino steckt, als anderswo überhaupt vorstellbar wäre... Weil Film hier, himmelnochmal, Bedeutung hat!! Und weil du die Katze mit Karacho aus dem Sack lassen kannst, für den ganzen verdammten Planeten Erde!"
Tarantino sei "kein grausamer Filmemacher", meint Kniebe: "Er will nur grandiose Set-ups schaffen und dabei alle Zeit der Welt haben, und er will, mit der geballten Liebe des Cinemaniacs, grandiosen Schauspielern bei der Arbeit zuschauen. Was er dann auch macht. In Inglorious Basterds hat er, wie der freundlicher Applaus und das Ausbleiben jeder politischer Reaktion am Ende beglaubigen, einen Feelgood-Film gedreht. Geht das, selbst mit Nazis? Offensichtlich."
Der französische Beitrag Les Herbes Folles hat ihm nicht so gut gefallen: Alain Resnais "wollte wohl eine leichte und leicht bizarre Komödie um Liebeswirren im fortgeschrittenen Alter drehen (...). Das funktioniert auch phasenweise wunderbar, etwa im Stil seiner früheren Erfolge wie Smoking/Non Smoking. Nur diesmal reichen die Ambitionen weiter, müssen Stimmungen und Entwicklungen durch die Willkür des Regisseurs ins Unerklärliche verschoben werden - und so ist die ganze Übung leider schnell wieder vergessen."
Über Michael Hanekes Das weiße Band schreibt Kniebe: "Man folgt dem gern und hofft die ganze Zeit, die vielen bösen Miniaturen mögen sich zu einem zwingenden Thema verdichten. Aber das passiert nie, und am Ende fallen die Einzelteile, die auch in der Tonalität wild zwischen Vorkriegspathos, Bierbichler-Grummelei und Rückfällen ins Psychodrama der Gegenwart schwanken, recht folgenlos auseinander."

"So subtil wie zuletzt Caché ist Das weiße Band bei Weitem nicht geraten", urteilt Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel über Michael Hanekes Film: "Und allzu leicht lässt sich die behäbig ausgepinselte Gesellschaft vom Baron bis zum Bauern, vom Pastor bis zur Hebamme als Metapher auf den noch einmal böse funkelnden, aber historisch bereits untergehenden Spätestfeudalismus deuten." Der Film erinnere, "bis hin in sein eigentümlich fades Schwarzweiß, fast nostalgisch an reichlich vergangene Dekaden des Fernsehens".
Inglorious Basterds hat Schulz-Ojala offenbar so beeindruckt, dasst er ihn ein zweites Mal würdigt: "Tarantino setzt auch in diesem Film auf sein Stilprinzip langer Dialoge vor der jeweiligen Gewaltexplosion, aber der neue Sinnsucher-Ehrgeiz verblüfft. Nicht in erster Linie um Komik vor dem lustvoll angerichteten Schlachtfest geht es ihm, sondern um das Böse, das sich schließlich selber richtet."

Rüdiger Suchsland berichtet bei artechock zunächst über die Pressekonferenz zu Inglourious Basterds und widmet sich dann Looking for Eric von Ken Loach, der mit dem "Coup" aufwarten könne, den Ex-Fußball-Profi Eric Cantona sich selbst spielen zu lassen: "Cantona tut das mit einer Präsenz und einem Charisma, das alles andere hier in den Schatten stellt. Eigentlich ist Looking for Eric ein langweiliger Film, allzu leichte, seichte Kost, die längst bekannte Loach-Themen unoriginell variiert und wiederholt. Durch Cantona aber wird es großes Kino."
Wie der Katholik Michael Haneke von Protestantismus und den Abgründen eines protestantischen Pfarrhauses "im Stil der ruhigen, präzisen Schwarzweiß-Bilder" erzähle, das erinnerte Suchsland "oft an die Schuld- und Sühnedramen Ingmar Bergmans".
Über Inglorious Basterds schreibt Suchsland ziemlich ausgedehnt, unter anderem dies: "Tarantino macht das, was nur das Kino kann: Den Gang der Geschichte ändern, der Phantasie, den Wunschvorstellungen freien Lauf lassen. Sein Film ist damit in allem DAS Gegenstück zum Stauffenberg-Drama Valkyrie, kein beflissenes, depressives, graues Drama, bei dem man schnell vergisst, was eigentlich nochmal das Problem mit den Nazis war, sondern bunt und grell, so pervers wie die Nazis waren, eine kontrollierte Überschreitung der historischen Wirklichkeit, der diese dadurch um so sichbarer macht."

Kirsten Niehuus, Filmförder-Geschäftsführerin beim Medienboard Berlin-Brandenburg, schildert in der Welt ihre Eindrücke aus Cannes.

8. Tag
Filme von Quentin Tarantino, Lars von Tier, Johnnie To, Ken Loach, Pedro Almodóvar, Marco Bellocchio, Hong Sang-soo, Mia Hansen-Love

Inglourious Basterds von Quentin Tarantino stellt für Verena Lueken von der FAZ eine Enttäuschung dar, "über weite Strecken jedenfalls": Blut und "was sonst so aus aufgeplatzten Körper spritzt oder rinnt", werde reichlich vergossen, die Dialoge seien "oft witzig", die Schauspieler ein "adäquater Haufen", aber das Ganze sei "etwas langatmig", "nicht dicht, sondern weitschweifig". Vielleicht sehe der Film, wenn er in die Kinos kommt, "ganz anders aus", denn mit zwei Stunden und vierzig Minuten Laufzeit "ist er viel zu lang, und das weiß auch Quentin Tarantino".

Auch Lars-Olav Beier von Spiegel Online meint, Tarantinos Film habe so viele Längen, "als handle es sich um die erste Rohschnittfassung" - Inglourious Basterds zu sehen "ist so, als würde man dem Blut beim Trocknen zuschauen". Tarantino beginne mit "totalem Stillstand - und nimmt danach langsam das Tempo heraus. Ohne jedes Gefühl für Timing walzt er seine Geschichte geschlagene 160 Minuten lang über die Leinwand".

Für Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel ist Inglorious Basterds eine "handfeste Überraschung": "Kein pures amerikanisches Genre-Kino, sondern ein durchaus ernsthafter, dialogstarker Autorenfilm". Tarantino führe seine Schauspieler zwar "eisern", zwinge sie aber "zu Höchstleistungen", er habe eine "politisch-historisch unglaublich befreiende Geschichte" zu erzählen und "der Filmgeschichte etwas Unvergessliches hinzugefügt".

Für Hanns-Georg Rodek von der Welt birgt Tarantinos Film einige Überraschungen - ein Gutteil des Originaldialoges spielt sich in Deutsch ab - und eine "Sensation" - der Star des Film sei nicht Brad Pitt, sondern Christoph Waltz. Auf jeden Fall manifestiere sich in Inglourious Basterds "ein Einschnitt in der Behandlung des Dritten Reichs durch das Kino": "Die Nazis sind kein lastender Schatten der Vergangenheit mehr, aus ihnen ist Genre-Spielmaterial geworden". Allerdings werde der Film "nicht Geschichte schreiben wie Pulp Fiction vor 15 Jahren an gleicher Stelle, dafür ist er in der Form nicht innovativ genug und bricht keine Tabus".

Der Observer-Autor Ryan Gilbey würdigt Quentin Tarantino und seine bisherigen Filme; der Freitag hat den Artikel übernommen.

Christoph Egger von der NZZ schreibt, Antichrist von Lars von Trier sei Andrei Tarkowski gewidmet, mit "ebenso viel Recht wird man ihn in der Tradition Bergmans sehen dürfen: in der quälerischen Befragung des Ichs, die hier in gewisser Weise für die Frage des Verhältnisses zu Gott steht, in den bohrenden Explorationen von unaufhebbarer Schuld und nicht zu leistender Sühne, in der Ergründung der unauflösbaren, nahezu tödlichen Verstrickung von Mann und Frau". Die "faszinierenden Explorationen hinein in die Gefilde von Angst, Sexus und Furor" erfolgten zwar "nie als Selbstzweck, vermitteln nie den Eindruck leer laufender Virtuosität, doch wir folgen ihnen nicht innerlich bewegt und berührt". Keine Frage sei jedoch, dass "angesichts des Elementarereignisses dieses Films" der Rest der Konkurrenz "bei allen Qualitäten harmlos, gefällig anzumuten droht". An Antichrist sei "nichts gewöhnlich und manches ausserordentlich". Außerdem geht der Kritiker kurz auf vier weitere Filme ein: Vengeance von Johnnie To, Looking for Eric von Ken Loach, Los abrazos rotos von Pedro Almodóvar und Vincere von Marco Bellocchio.

Cristina Nord befasst sich in ihrer taz-Kolumne zunächst mit den "Shock and awe and joke"-Methoden, auf die in diesem Jahr einige Filme im Wettbewerb vertrauten; es sei "gut für die versehrten Nerven", dass es in den Nebenreihen "beschaulicher" zugehe, zum Beispiel in Hong Sang-soos Like You Know It All, der mit "feiner Komik" die "Rivalitäten und die Begehrlichkeiten, die Eifersucht und die Verstimmungen, die Höflichkeiten und die jähen Wutausbrüche" erfasse und Raum schaffe für den "subtilen Genuss von Wiederholung und Variation". Mia Hansen-Love finde in Le pere de mes enfants "stimmige Bilder", und wie Hong Sang-soo lege sie "ein großes Gespür dafür an den Tag, wie man widerstreitende Gefühle auf die Leinwand bringt. Ganz ohne Spektakel".

Katja Nikodemus von der Zeit bemerkt in ihrer Festival-Zwischenbilanz zu Almodóvars Film: "In Gestalt seiner Hauptdarstellerin führt Almodóvar vor, dass das Kino am wahrsten ist, wenn es sich seiner Künstlichkeit bewusst ist". In Bright Star von Jane Campion spiele die Ausstattung eine "stumme Hauptrolle", und es zeige sich, dass ein Film "vor allem eine Textur braucht, um Gegenwärtigkeit zu entwickeln". Bright Star sei "angenehm unromantisch", weil seine Helden "die romantische Gefühlssemantik, die man von heute aus in sie hinein projiziert, gerade erst erfinden". Durst von Park Chan-wook ist für die Kritikerin eine "Choreografie des Grauens, aber auch ein großer Liebesfilm, der das Vampirgenre mit visueller Verve an einen Endpunkt führt". Zu Lars von Trier bemerkt Frau Nicodemus: "Wenn er einen moralischen Diskurs führt, dann bis zum bitteren, penetranten, unerträglichen Ende. In Antichrist verbindet sich die archaische Angst vor der weiblichen Sexualität und vor der Natur mit von Triers künstlerisch kultiviertem und mehr oder weniger sublimiertem Frauenhass". Der Film zeige "das Ende der Liebe. Das Ende der Menschheit. Antichrist ist die reine Apokalypse".

7. Tag
Filme von Lars von Trier, Ken Loach, Pedro Almodóvar, Marco Bellocchio.

"Unerhörte Dinge ereignen sich in Cannes. Als die Kritiker aus der Sonntagabendvorstellung strömten, waren sie keines Wortes fähig. Das will bei dieser Schar, die schon alles gesehen und alles erklärt hat, etwas heißen", schrebt Hanns-Georg Rodek von der Welt, und es geht natürlich um Lars von Triers neues Werk Antichrist. Der Regisseur dringe hier in Bereiche vor, die "bisher dem Hardcore vorbehalten waren, sowohl beim Sex als auch bei der Körperzerstörung; niemand, der aus Antichrist kommt, wird seinen Werkzeugkasten mit den gleichen Augen ansehen wie davor". Bei Looking for Eric von Ken Loach sei der Humor "nah am Volk, hart aber herzlich, aber auch unwiderstehlich, weil er nicht über Eric und seine Kumpels lacht". Clint Eastwood habe "mit 78 Jahren seinen kommerziellsten Film gedreht, Ken Loach könnte das mit 73 gelungen sein".

Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau hat an von Triers Film einiges auszusetzen: "Was dabei anfangs immerhin noch an Stilwillen durchscheint, verwischt im Folgenden in verhuschten Reißschwenks im Videoformat HD". In seiner Gänze "ein tragischer Ausdruck der Schaffenskrise seines Regisseurs, leidet der Film im Detail an der inneren Distanz seiner Protagonisten".
Pedro Almodóvars "Thriller-Melodram" Zerrissene Umarmungen sei der "bislang überragende Wettbewerbsbeitrag"; ein "Großteil der Magie" des Films liege in einer "faszinierenden Penélope Cruz, die wieder mit Haut und Haar für Almodóvars Visionen einsteht". Zu Vincere von Marco Bellocchio bemerkt der Kritiker: "Anders als die jüngsten deutschen Ausstattungsfilme über die Nazi-Zeit verfällt Bellocchio nicht in illustrativen Naturalismus. Trotz aufwendiger historischer Ausstattung besitzt jede Szene ihren eigenen Stachel der Verfremdung". So gelinge Bellocchio "das, was Lars von Trier so oft vergeblich versucht: eine Vermittlung Brechtscher Theatertechniken in eine absolut zeitgemäße Filmsprache".

Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung schreibt zu Antichrist von Lars von Trier: "Dieser dänische Maniac des Autorenfilms hat sein Spiel mit den Zuschauern, das einer sadomasochistischen Liebesbeziehung gleicht, auf eine neue Stufe des Wahnsinns angehoben". Die "Gesamtheit der Erfahrung" lasse sich "unmöglich wiedergeben". Hier filme einer, der "endgültig nichts mehr zu verlieren hat, dem nun alle Reaktionen recht sind, solange sie nur stark genug ausfallen, der alle Hass-Analysen der letzten Jahre, Frauenfeindlichkeit, Menschenfeindlichkeit, Sadismus, nun vollständig in sein Selbstbild integriert hat".

"Melodram, Film Noir und Komödie, all die Genres, die Almodóvar liebt und mit Bezügen zu Klassikern unverwechselbar zu seinen eigenen gemacht hat, mischen sich hier stilsicher zu einem Film über Doppelgänger, Macht und Leidenschaft", schwärmt Verena Lueken von der FAZ über Los Abrazos Rotos, den siebzehnten Film des Spaniers.

Für Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel markierte Lars von Triers Antichrist den "Absturz" in Cannes zur Halbzeit; wahrscheinlich habe von Trier seiner künstlerischen Karriere damit "bleibenden Schaden zugefügt". Wie, fragt der Kritiker, solle man "umgehen" mit diesem "maßlosen Zeugnis der Misogynie eines Regisseurs"? Pedro Almodóvars Film biete "ein bisschen Thrill, viel Melodram, Film noir und Telenovela und, in zwei kunstvoll verschränkten Zeitebenen, besonders viel Film-im-Film"; Los abrazos rotos sei jedenfalls "die zärtlichste Beschäftigung eines Regisseurs mit dem eigenen Metier seit Francois Truffauts Die amerikanische Nacht - eine Milieustudie und zugleich viel mehr". Bei Ken Loachs Looking for Eric triumphiere, "zwar ein bisschen albern, aber wie immer herzerwärmend, Loachs Lieblingstugend: die Solidarität".

Die Welt hat mit Lars von Trier gesprochen. Die FAZ hat sich mit Martin Wuttke unterhalten, der in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds mitspielt.

6. Tag
Heute mit Stimmen zu den Filmen von Lars von Trier, Bahman Ghobadi, Jacques Audiard, Warwick Thornton, Brillante Mendoza, Ang Lee und Pavel Lungin.

Das Programm war bisher "zumindest in der offiziellen Sektion, selten stärker", meint Verena Lueken von der FAZ; sehr gut gefielen ihr Niemand versteht was von Perserkatzen des kurdisch-iranische Regisseurs Bahman Ghobadi, Samson and Delilah von Warwick Thornton und Ein Prophet von Jacques Audiard; dessen Gefängnisfilm habe einen "erheblichen poetischen Anteil, der nichts mit Romantik zu tun hat, sondern mit Audiards Ansatz, einen Genrestoff mit einer komplexen, ganz ungewohnten Zentralfigur zu erzählen, sie auf eine Bildungsreise zu schicken und mit Phantasien auszustatten, wie sie das Genre eigentlich nicht vorsieht". Brillante Mendozas Beitrag Kinaty sei kaum auszuhalten, "weil er laut ist, so milchig dunkel, dass man oft kaum etwas erkennen kann, mit wilder Handkamera gedreht, quälendem Elektrosound überlagert und unfassbar brutal", aber "die Energie, die Ernsthaftigkeit, mit der hier ein Regisseur arbeitet, verdient unbedingt Respekt".
Lars von Triers Wettbewerbsfilm Antichrist fand Frau Lueken etwas langweilig, wie sie, ebenfalls in der FAZ, bekennt. Der Prolog sei das Beste an diesem Film, der "verkünstlerischtes, aufgeblähtes Genrekino" sei, das "mehr sein will als Genre".

"Antichrist bietet vieles, was man aus Horrorfilmen kennt", bemerkt Cristina Nord von der taz zu Lars von Triers Film; " Wer ist der Teufel? Der Mann oder die Frau? Die Vernunft oder der Wahnsinn?" - der Film nehme diese Fragen "ernst und zugleich nicht", immer wieder "gibt er seine eigenen Prämissen dem Gelächter preis". Von Trier sei ein "talentierter Trickster, aber warum und wozu, das ist in Antichrist egal".
Andreas Borcholte von Spiegel Online attestiert von Trier, er schaffe es, "mit blutigem Horrorfilm-Material und ungeschminkten Sex-Szenen" den Zuschauer emotional zu berühren; Antichrist sei ein "extrem schwerverdauliches, aber grandioses und sehr bildgewaltiges Meisterwerk".

Rüdiger Suchsland (artechock) hat einen Film gesehen, "wie man ihn auch auf einem Filmfestival nicht oft zu sehen bekommt" und von dem man sich "noch in Jahren erzählen wird"; für derartige "Provokationen auf höchstem Niveau" sei von Trier immer gut. Antichrist sei "auch ziemlich zäh und langweilig", der Film "geht einem einfach auf die Nerven" und habe "keine Ökonomie". Zu Tsar von Pavel Lungin bemerkt Suchsland, er sei "genau so, wie man sich, in seinen schlimmsten Befürchtungen, einen russischen Kostüm-Film vorstellt".

Für Susan Vahabzadeh von der Süddeutschen Zeitung ist Taking Woodstock von Ang Lee, diesem "versierten Erzähler" und "grandiosen Filmemacher", eine "Ode an die Lebensfreude", ein "wunderschöner, sehnsuchtsvoller Film". Brillante Mendozas Film fand die Kritikerin "wahnsinnig oberflächlich", seine krude Story werde "emotionslos und mit einer enervierenden Geräuschkulisse heruntererzählt".

Die Welt hat Detlef Roßmann, Betreiber des Casablanca-Kino in Oldenburg und Vorsitzender der AG Kino, aufschreiben lassen, was er in Cannes so alles erlebt.

4./5. Tag
Filme von Ang Lee, Jacques Audiard, Corneliu Porumboiu, Brillante Mendoza, Lee Daniels und Andrea Arnold.

Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau sah die restaurierte Fassung von Fern von Vietnam, eine Kollektivarbeit von Jean-Luc Godard, Joris Ivens, William Klein, Claude Lelouch, Alain Resnais, Agnès Varda und Chris Marker von 1967:"Loin de Vietnam ist wahrscheinlich der nachdenklichste Propagandafilm, der je gedreht wurde. Man staunt nicht nur, wie vorausschauend noch vor der 1968er-Revolte im Kino argumentiert wurde. Besonders die Form dieses Essayfilms hält in Atem."
Mit der "Hippie-Komödie" Taking Woodstock gelinge Ang Lee "wieder ein Film, der allein durch seine Figuren unterhält", meint Kothenschulte und ergänzt: "Tatsächlich aber reagierte das Publikum in Cannes eher gelangweilt auf den höchst elegant inszenierten Film, der vom meinungsbildenden Branchenblatt 'Variety' als 'inkomplett' verrissen wurde. Dabei sind die Auslassungen gerade der Coup." Das Gefängnisdrama Un Prophète von Jacques Audiard, entwerfe seinen Schauplatz "so detailreich, als verbüßte man selbst eine 150-minütige Haftstrafe unter Schwerstkriminellen", lobt Kothenschulte: "Das einzige, was diesen epischen Film von Francis Ford Coppolas Paten trennt, ist das Fehlen jeglicher künstlerischer Überformung. Es ist der reine Naturalismus."

Cristina Nord von der taz hat sich Precious von Lee Daniels in der Nebenreihe "Un certain régard" angeschaut: "Die grellen Bilder verdecken nicht, dass Daniels eine erbauliche Geschichte erzählen will. (...) Das Schöne an Precious freilich ist das Mischverhältnis, in dem beides, das Erbauliche und die Geisterbahn, die ihnen angemessene Wirkung entfalten."
Über Fish Tank von Andrea Arnold schreibt Nord: "Anders als Daniels setzt Arnold auf einen zunächst sehr frei wirkenden, realistischen Stil, wie man ihn etwa aus den Filmen der Brüder Dardenne kennt. Gegen Ende aber setzt sich das Drehbuch mächtig gegen diese freie Form durch. Das ist schade, ändert aber nichts daran, dass die Szenen, in denen Mia - auch sie sucht nach Formen des Ausdrucks - Breakdance übt, sehr schön sind."

Andreas Borcholte von Spiegel Online berichtet, dass die Vorführung von Ne Te Retourne Pas von Regisseurin Marina De Van ein "komplettes Desaster" war - "das Publikum jaulte vor Entsetzen". Ang Lees "geradezu beschwingte Komödie" Taking Woodstock lobt der Kritiker: "Fast beiläufig und mit viel Sinn für die komischen Momente des Zusammenpralls von entspannten Hippies mit den konservativen Landbewohnern erweist Lee einem geschichtlichen Moment seine Reverenz, in dem das Wort Freiheit keine Floskel war, sondern sich auf alles anwenden ließ". Jacques Audiard erzeuge in seinem Gefängnisdrama Un Prophète eine "atmosphärische Dichte", die den Zuschauer immerhin 150 Minuten lang fesselt".

Für Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel ist Audiards Film "der erste Palmen-Favorit", denn er nutze die "genregesättigten Vorstellungen" und baue sie "unerhört nuancenreich neu zusammen". Die zweieinhalb Kinostunden vergingen "wie ein atemloser Augenblick". Den "Schocker dieses Cannes-Jahrgangs" liefere der philippinische Regisseur Brillante Mendoza mit Kinatay (Massaker); mit Handkamera und "langen Passagen in Realzeit" stürze er den Zuschauer "in den gespenstisch unauffällig anhebenden Albtraum einer Nacht". In "fast dokumentarischem Habitus" prangere Mendoza einen Staat an, "der bis zum Exzess sein jeglicher Strafverfolgung entzogenes Gewaltmonopol durchsetzt". Johnnie Tos Vengeance sei ein "jede geistige Regung sorgsam vermeidende Film", der hoffentlich der "einzige grottenschlechte Genrefilm im diesmal genreverliebten Wettbewerb" bleibe. Kurz erwähnt werden die Filme des Rumänen Corneliu Porumboiu (Politist, adjectiv) und Ang Lee.

Rüdiger Suchsland schreibt in seinem Cannes-Tagebuch bei artechock, Coppolas Film Tetro sei "ein in vieler Hinsicht altmodisches Werk", das einem "am Ende doch enttäuscht"; Air Doll von Hirokazu Kore-eda bezaubere zunächst mit seiner "Poesie", plätschere dann aber "zwischen wenigen guten Szenen über die Zeit" und werde mehr und mehr zu "Kitschphantasie".

Die Welt sprach mit Lars von Trier über seinen im Wettbewerb gezeigten Antichrist.

In der Welt schreibt Michael Schmidt-Ospach, Chef der Filmförderung Nordrhein-Westfalen. über seine persönlichen Eindrücke vom Festival.

3.Tag
Filme von Francis Ford Coppola, Jane Campion, Andrea Arnold, Park Chan-Wook, und Lou Ye.
Verena Lueken von der FAZ meint, seine "Blutsaugerromanze" Thirst stilisiere Park Chan-Wook im zweiten Teil "in einer Mischung aus Horror und Phantastik dann so hochgradig, dass man die Melancholie ans Überdrehte verliert und gegen das Unglück immun bleibt". Die "wunderbare Sprache und das Licht" sind die "wesentlichen Werkzeuge" von Jane Campion, deren Bright Star "traurig endet, aber vom Glück erzählt". In Fish Tank schaue Andrea Arnold "genau hin, auf die Umgebung, die Details in der Kleidung, der Musik, den Geräuschen, so dass man meint, den Figuren beim Leben zuzuschauen, einem Leben in den Randbezirken der Gesellschaft, in das uns, so scheint es, nur hin und wieder ein Film aus England Einblick gibt". Bei Tetro von Francis Ford Coppola werden die "Rückblenden und die Operneinlagen immer zahlreicher und in ihrem Verlauf ein ganzer Sack ödipaler Probleme ausgepackt, die nicht besonders interessant sind".

Andreas Borcholte von Spiegel Online gefiel Coppolas Film: "Kammerspielartig, teil ins Aberwitzige driftend, verknüpft Coppola in Tetro großes Drama mit griechischer Tragödie - und wartet am Ende mit einem Film auf, der formal wie ästhetisch überrascht". Auch Bright Star von Jane Campion und Fish Tank von Andrea Arnold werden lobend besprochen.
"Ein wilder Zweistundenritt, dieser Tetro, schreibt Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel über Coppolas Film: " Wo das Theatrale sich bald lustvoll dem Theatralischen ergibt, wirkt er bloß wie das ermüdende Zeugnis eines Autorenfilmers, der hemmungslos seine mäßig aufregenden Privat-Fantasmen ins Bild setzt". Spring Fever von Lou Ye möge zwar "wie ein verspäteter Dogma-Film wider Willen" daherkommen, tatsächlich sei er "vor allem ein imponierender Beweis von Mut". Thirst von Park Chan-Wook ist laut Schulz-Ojala "umwerfend" und "zuallererst eine faszinierende cineastische Albtraumfantasie".

2. Tag
Filme von Pete Docter, Francis Ford Coppola, Lou Ye und Andrea Arnold.
15.5.
Verena Lueken von der FAZ meint zum Eröffnungsfilm Up von Pete Docter, der „Reichtum an Phantasie, der neben der perfekten Ausführung in die Gestaltung geflossen ist“, sei „enorm“. Lars-Olaf Beier von Spiegel Online meint, Up habe „einen weisen Verstand, ein junges Herz und passt überdies wie kaum ein anderer Film in die krisengeschüttelte Zeit“.
Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau hat neben dem Pete Docters Film („mit zunehmender Laufzeit verliert Up" an Liebenswürdigkeit“) das „opernhaften Melodram“ Tetro von Francis Ford Coppola gesehen („Tatsächlich gelingen dem Regisseur noch immer die Szenen mit den jungen Darstellern, doch wie beim glücklosen Vorgänger "Jugend ohne Jugend" liegt ein bleischwerer Kunstanspruch über allem“) und Spring Fever des Chinesen Lou Ye, bei dem die Konflikte „überinszeniert“ wirkten, während die „lustvoll gedachten Sexszenen Leidenschaft mit Ernst verwechseln“.
Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung bemerkt zu Spring Fever von Lou Ye, man könne sich „gut vorstellen, welch libidinöse Sprengkraft darin liegt, sollten Lous 1,3 Milliarden Landsleute anfangen, solcherart nach Selbstverwirklichung zu suchen“. Bei Fish Tank von Andrea Arnold gebe es viel „britisches Proletarierelend“ zu sehen - und die „wunderbar rohe und unwehleidige 15-jährige Mia, „gespielt oder vielmehr mit Haut und Haaren verkörpert von der Vorstadtbewohnerin Katie Jarvis“.
Cristina Nord von der taz hält Coppolas Tetro für „ähnlich erratisch Film wie Youth without Youth". Hanns-Georg Rodek von der Welt fand Tetro „ziemlich theatralisch“ und „vorhersehbar“. Lou Yes Film sei „nicht nur die erste explizit schwule Kinogeschichte aus der Volksrepublik, sie zeigt auch die Tristesse der unteren Mittelklasse“.

1. Tag
Eröffnungsfilm Up von Pete Docter
14.5.
Verena Lueken von der FAZ freut sich troz des Krisengeredes auf das Festival von Cannes: "Ein Programm, das ausgewiesene Autorenfilmer aus der ganzen Welt versammelt, ist eher ein Hoffnungszeichen". Tagesspiegel, taz, Welt, Zeit und Süddeutsche Zeitung besprechen den Eröffnungsfilm; das Sensationelle des Pixar-Films Up von Pete Docter sei nicht, "dass ein Zeichentrickfilm, wenn er auch sehr erwachsen wirkt, Cannes eröffnet, sondern dass er es in 3D tut", schreibt Susan Vahabzadeh. Auch Rüdiger Suchsland berichtet aus Südfrankreich; seine Erlebisse im und außerhalb des Kinos sind bei artechock nachzulesen.

Vorberichte
13.5.
Die Welt hat mit John Lasseter gesprochen, dem Gründer des Filmstudios Pixar. Dessen neuestes Werk, der 3-D-Animationsfilm Oben, eröffnet heute das Filmfestival in Cannes. Vorberichte bringen taz, Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, Welt, Zeit , NZZ und Spiegel Online. Susan Vahabzadeh von der Süddeutschen Zeitung porträtiert die Jury-Präsidentin Isabelle Huppert.