Nachlese:
Michael Althen FAZ befasst sich mit der deutschen Filmförderung: Alle drei Hauptpreisträger "sind mit deutschen Geldern gefördert und von deutschen Firmen wenigstens koproduziert worden". Man könne ja fragen, was das deutsche Kino nun davon habe, "wenn ein Israeli, eine Iranerin und eine Österreicherin Preise gewinnen? Natürlich könnte man antworten, wenig, weil Regisseure ihr Geld eben nehmen, wo sie es kriegen können, um ihre Träume zu verwirklichen. Doch Tatsache ist, dass diese Art von Vernetzung von deutschen Produktionsfirmen und Fördergeldern mit dem Welt- oder Festivalkino sich auszahlt durch Knowhow und Kontakte und den Umstand, dass dieses Land dem Kino auch ein Zuhause ist - das war ja nicht immer so". Zur Vergabe der Preise bemerkt Althen: "Ganz generell kann man sagen, dass sich die Jury mit ihren Preisen ansonsten für Filme entschieden hat, die ihre politischen Aussagen in eine sehr geschlossene Form gepackt haben - die Panzerenge in Lebanon und das allegorische Frauenleid in Women Without Men -, und dafür Filme wie White Material von Claire Denis oder Lola von Brillante Mendoza, die für ihre komplexere Weltsicht offenere Formen wählen, übergangen hat".
Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau schreibt: "Man hatte sich immer wieder fragen können bei der weiten Spannweite des Wettbewerbs der 66. Mostra del Cinema, ob die Jury nun der Kunst oder dem Genre den Vorzug geben würde". In Samuel Maoz Film "fand sie beides in einem: Entstanden für ein Fünfzigstel dessen, was in Hollywood ein Kriegsfilm kostet, dürfte "Lebanon" ein breites, auch jüngeres Publikum finden". Auch wenn die "radikalsten künstlerischen Positionen" wie die Beiträge aus Sri Lanka (Between the Worlds) und den Philippinen (Lola) keine Preise erhielten, vermittelten doch "die Ausgezeichneten eine klare Position: Wie bei seinen eigenen Filmen entschied sich Jurypräsident Ang Lee für diejenigen Positionen, die es erlauben, möglichst viel Kunst ins Erzählkino zu integrieren".
Cristina Nord von der taz kritisiert die Jury, die aus den 25 Filmen eine "seltsam mutlose Auswahl" getroffen habe. Sie gab "ein Votum für ein Kino ab, das eine Botschaft hat, diese unaufdringlich in Szene setzt und politische Konfliktlagen in einem allgemeinen Humanismus auflöst, kurz: ein Votum für ein durch und durch konsensfähiges Kino. Das Traurige daran ist, dass dieses Votum dem Achterbahncharakter der diesjährigen Mostra überhaupt nicht gerecht wird". Eine der "schönsten Seiten der Mostra" sei, dass sie sich "nicht darauf versteift, das wichtigste Filmfestival der Welt zu sein". So kämen hier die "unterschiedlichsten Spielarten des Kinos in einer unhierarchischen Anordnung zum Zug".
Susanne Ostwald von der NZZ lobt erst den künstlerischen Direktor Marco Müller, weil er, "aller Kritikerschelte zum Trotz, keine regionalen oder künstlerischen Vorlieben erkennen liess", sondern ein Spektrum abdeckte, "das breiter kaum hätte sein können", um ihn dann zu tadeln: "Doch Müller ist, und darüber sollte er einmal nachdenken, ein schlechter Taktiker. Wieder hat er es nicht geschafft, die Highlights im Wettbewerb so über zehn Tage zu verteilen, dass nicht nach den ersten Tagen eine Ernüchterung einsetzt, die zudem einen Skeptizismus gegenüber den nachfolgenden potenziellen Siegerfilmen nährt".
Susan Vahabzadeh von der Süddeutschen Zeitung lobt die Juryentscheidungen: "Wenn man sich Ang Lees Filme ansieht, hat man den Eindruck, der Mann muss sehr weise sein; und als Jurypräsident hat er dieses Image nicht beschädigt". Es sei richtig, einen Film wie Lebanon auszuzeichnen, "so ein sperriges, eindrucksvolles Ding, sich seiner Form bewusst, unkonventionell, anstrengend - genau jene Art von Kino also, die sich erhebt über die bloßen Fragen der Vermarktbarkeit. Jene Art von Kino, die die Festivals tatsächlich brauchen, um nicht unterzugehen".
Die Welt sprach nach der Preisverleihung mit Fatih Akin.
11. Tag
Libanon des israelischen Regisseurs Samuel Maoz hat den Goldenen Löwen gewonnen. Fatih Akin kann sich über den Spezialpreis der Jury für Soul Kitchen freuen. Women Without Men von Shirin Neshat bekam den Silbernen Löwen für die beste Regie. Die Darstellerpreise erhielten Colin Firth und Ksenia Rappoport.
Die Agenturmeldung ist unter anderem in der FAZ und bei Spiegel Online nachzulesen.
10. Tag:
Michael Althen von der FAZ meint, als Komödie vertraue Soul Kitchen von Fatih Akin "eher Holzhammermethoden", sei aber "vergnüglich turbulent und letztlich sympathisch". Zu Romuald Karmakars Dokumentation Villalobos bemerkt er: "Die üblichen Strategien der Vermittlung sind Karmakars Sache nicht, eher das Insistieren darauf, dass sich dem Blick auch dann etwas offenbart, wenn man nur lange genug hinsieht".
9. Tag:
"Mit einem Feelgood-Movie im Gepäck" ist Fatih Akin nach Venedig gereist, stellt Cristina Nord von der taz fest. Den "Wechsel von Party und Kater, von Chaos und sich wieder einstellender Ordnung", der die Handlung von Soul Kitchen besimmt, inszeniere Akin "hart am Rand der Klamotte", die Figuren zeichne er "so schematisch, dass sie ausreichend komödiantischen Mehrwert abwerfen, aber nicht vollständig im Klischee erstarren". Romuald Karmakars Beitrag zur Orizzonti-Sektion habe "mehr Substanz"; in Villalobos porträtiert er den DJ und Musiker Ricardo Villalobos, filmt ihn in "langen, selten geschnittenen Einstellungen" im Club und begleitet ihn ins Studio.
Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau lobt Akins FIlm so: "Da ist einmal eine gute Komödie, wir hatten schon fast vergessen, wie so etwas geht". In jeder Szene stecke ein "kleiner Trumpf", und die Witze im Dialog "sind nicht aufgesetzt, sondern entwickeln sich wie selbstverständlich aus den Charakteren und den Situationen, in die sie geraten". Lola des Philippinen Brillante Mendoza berzeugte den Kritiker mit "Videobildern von faszinierender Einfachheit und einer Tiefe, wie sie nur bei diesem Filmkünstler zu finden sind";
Christina Tilmann vom Tagesspiegel hat registriert, dass Akins Film am Lido "mit begeistertem Beifall aufgenommen" wurde. Bei allen "komödiantischen Anteilen" sei Soul Kitchen ein "leicht melancholischer Abschiedsblick" geworden, ein "Kiezfilm". Es herrsche ein "bunter, erzählfreudiger Ton vor, der vor lauter Gags und Ideen kein Ende finden kann, locker, lustig und doch längst nicht so schräg und schwarz, wie er sein will".
Für Peter Zander von der Welt ist Akins Film eine "tragikomische Liebeserklärung" an seine Heimatstadt Hamburg und ein "radikaler Gegenentwurf zu Helmut Dietls Rossini". Akins Film wachse "weit über Hamburg-Wilhelmsburg hinaus", werde hier doch "nachgespielt, was neudeutsch als Gentrifizierung bezeichnet und in vielen Städten zu beobachten ist: die Umstrukturierung ganzer Stadtviertel". Manchmal wirke Soul Kitchen allerdings "fast zu leicht".
Die FAZ und Spiegel Online haben mit Shirin Neshat gesprochen, deren Film Women Without Men von der deutschen Kritik gelobt wurde.
8. Tag:
Besprochen werden die Filme von Samuel Maoz, Shirin Neshat, Werner Herzog, Vimukthi Jayasundara , Alex Cox und George A. Romero.
Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau bemerkt zu Werner Herzogs erstem Wettbewerbsbeitrag Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans , er sei eine "schöne Stilübung in 'Neo Noir' geworden", wenn auch auf gänzlich andere Art als das Original: " Es fehlen Zorn und Widerhaken, es fehlt die rastlose Nervosität des frühen Ferrara". Bei My Son, My Son, What Have Ye Done", Herzogs zweitem Film beim Festival, herrsche "jene Art vulgärer Expressionismus vor, mit dem schon allzu oft die amerikanische Mittelschicht in ihren Neurosen bloßgestellt werden sollte". Geglückter fand der Kritiker den "atemberaubenden" Spielfilm Ahasin Wetei/Between two Worlds von Vimukthi Jayasundara aus Sri Lanka: "In einer Art metaphorischem Dokumentarismus verbindet er Visionen eines reellen Bürgerkriegs mit vorzeitlichen Riten, alltägliche Handlungen werden überraschend in Massenchoreographien überführt".
Wolfgang Höbel von Spiegel Online zieht eine erste Bilanz. DIe Stimmung in Venedig sei "eigenartig euphorisch in diesem Jahr", die meisten angereisten Kritiker seien sich "einig, dass das diesjährige Festival, (...) erfreulich gut bestückt ist". Zu den Höhepunkten im Wettbewerb zählt Höbel The Road von John Hillcoat und den "staunenswert unverständlichen Beitrag" von Jayasundaria. Als Favoriten für die Vergabe der Goldenen Löwen gelten "ganz zu Recht" zwei von Frauen gedrehte Filme: "Women Without Men von Shirin Neshat und Lourdes von Jessica Hausner.
"Zum Ende hin nimmt das Filmfestival von Venedig noch einmal richtig Fahrt auf", freut sich Peter Zander von der Welt. Lebanon des Israeli Samuel Maoz sei eine "erdrückende, kaum auszuhaltende Klaustrophobie", die auch "weit über den konkreten historischen Fall hinaus zu einer allgemeingültigen Parabel auf den Krieg anwächst". Preisverdächtig sei auch der deutsche Wettbewrbsbeitrag Women without Men von Shirin Neshat. Er handelt vom Putsch in Persien 1953 und lasse den Zuschauer "die große Historie ganz aus dem Blickwikel von vier Individuen" erleben.
Cristina Nord von der taz hat George A. Romero Zombie-Film Survival of the Dead gesehen; vom "zeitdiagnostischen Furor, der Romeros Debüt Night of the Living Dead (1968) kennzeichnete", sei ein "milder Überdruss am Amerika der Bibeltreuen und Hinterwäldler geblieben". Alex Cox' Low-Budget-Produktion Repo Chick sei "wie Survival of the Dead frivol, und genau darin liegt die Qualität: Die Frivolität verhindert, dass man sich von den realen Problemen niederstrecken lässt".
7. Tag:
Susanne Ostwald von der schreibt in ihrer Zwischenbilanz für die NZZ, der Wettbewerb biete überwiegend "solides Handwerk im Wettbewerb", "grosses Kino" laufe außer Konkurrenz. Michael Moore kjönne frog sein, dass er mit seinem auf "billigere Polemik" setzenden Streifen nicht mit Oliver Stone um Preise konkurrieren müsse, denn in Stone scheine Moore "seinen Meister gefunden zu haben". Stones Film sei "absolut distanzlos und unkritisch und bietet den Staatsführern (...) eine offene Bühne für ihre Thesen". Davon könne man "inhaltlich halten, was man will, doch Stone und der britische Publizist und Filmemacher Tariq Ali, mit dem er gemeinsam das Drehbuch schrieb, beweisen eindrücklich, wie mitreissend Propaganda sein kann".
Christina Nord von der taz bespricht die Filme von Bobby Paunescu und Oliver Stone. Dessen Dokumentation South of the Border sei "in der Wahl der Mittel fahrig wie eine TV-Reportage, in der Aussage nicht viel mehr als Gegenpropaganda"; je mehr sich der Regisseur an Chávez und die anderen Regierungschefs "anbiedert", umso weniger "kommt zum Vorschein, was an deren Politik ambivalent ist".
Die Zeit knöpft sich die französischen und US-amerikanischen Beiträge vor. Erstere zeigten "dreimal verletzliche und doch unendlich starke Frauen", und Claire Denis sei dabei "der eindrucksvollste Beitrag gelungen". Die amerikanischen Filmen lieferten sich "einen Wettbewerb darum, welcher Superstar sich hässlicher, abgewrackter, dämlicher präsentiert".
6. Tag:
Cristina Nord von der taz schreibt über Jacques Rivettes Wettbewerbsbeitrag 36 vues du Pic Saint Loup, der mittlerweile 81 Jahre alte Regisseu setze Zirkusgeschichte "ohne große Emphase und Dramatik, dafür mit mildem Humor und einer Vorliebe für theatralische Auflösungen in Szene". 36 vues du Pic Saint Loup sei "ein kleiner Film, ein wenig altmodisch wie der Wanderzirkus, aber gerade darin rund".
Susan Vahabzadeh von der Süddeutschen Zeitung lobt, dass Rivette "nur ganz wenig" von seinen Figuren wolle - "ihnen beim Leben zuschauen". Oliver Stone, der außer Konkurrenz South of the Border zeigte, wollte Hugo Chávez "von der anderen, der südlichen Seite Amerikas aus zeigen - wo er dann, anders als im US-Fernsehen, plötzlich kein Dämon mehr ist, sondern Bolívars Erbe". Stone versuche, "die mediale Übermacht in den USA mit ihren eigenen Waffen zu schlagen - Verkürzung, Aussparung, Agitation". Damit bewege er "mehr als Moores Wutbestätigungskino", doch er mache "auf halbem Weg Halt". Bei Steven Soderberghs "fieser Komödie" The Informant! (ebenfalls außer Konkurrenz) fand die Kritikerin den "fröhlichen, amüsierten Ton" zum Teil "wirklich musikalisch". White Material von Claire Denis überzeugte sie weniger - die konfuse Geschichte wirke "naiv und konstruiert", und es sei "unendlich schwer, mit Figuren, deren Handlung jede Logik verloren hat, wirklich mitzufühlen".
Die Neue Zürcher Zeitung berichtet über den gemeinsamen Auftritt des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez mit Oliver Stone anlässlich der Präsentation von dessen Filmdokumentation South of the Border.
"Zwei Tage lang gehörte der Lido Pixar", hat Peter Zander von der Welt beobachtet, und sich die Frage erlaubt, "ob das nicht etwas zu viel des Guten ist, ob sich das Filmfestival von Venedig hier nicht allzu willig als Werbeplattform eines äußerst populären Hollywoodstudios missbrauchen lässt". Dabei drohten die anderen großen US-Beiträge fast ein wenig unterzugehen - dabei zeigen sie "ungewohnt starke politische Akzente – und weidlich Humor". Die Rede ist von den Filmen von Oliver Stone, Steven Soderbergh und Grant Heslov.
Rüdiger Suchsland schildert in seinem Tagebuch bei artechock die "Pleiten, Pech und Pannen bei fast jeder Vorstellung" an den ersten Tagen. Er bespricht die Filme von Todd Solondz ("sehr überzeugend"), und Werner Herzog, dessen Bad Lieutenant "sympathisch und schön anzusehen" sei, bei dem aber unklar bleibe, warum Herzog "eigentlich gerade diese Geschichte erzählt hat".
5. Tag:
Heute geht es um die Filme von Michael Moore (Capitalism - A Love Story), Claire Denis (White Material), Patrice Chéreau (Persécution) und Werner Herzog (My Son, my son, what have ye done).
Michael Althen von der FAZ schreibt über Moores Film: "Dass der Erfolg seiner Filme zum guten Teil auf seinen Fähigkeiten als ihr Hauptdarsteller beruht, auf seiner Lust an der Provokation und seinem Hang zur Polemik, war bekannt, selten schien sie jedoch ähnlich hohl wie hier". Wenn man sich zwischendurch vorstelle, "dieselben Methoden würden auf eine weniger gerechte Sache angewandt, dannkönne einem "schlecht werden". White Material von Claire Denis dagegen gefiel dem Kritiker: "Die Faszination rührt daher, dass die Figuren nie um Aufmerksamkeit buhlen, sondern nur so viel preisgeben, wie man in die Begegnung mit ihnen zu investieren bereit ist". Chéreaus Film Persécution sei "schroff wie sein Held, aber er belohnt die Ausdauer mit einer Rohheit der Emotionen, die anderswo so nicht zu haben ist". Denis und Chéreau seien "neugierig auf das, was ihre Filme zutage fördern", und das "unterscheidet sie von Michael Moore".
Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau gefiel Moore ziemlich gut; er erzähle in der ersten Hälfte des Films mit "mitreißender Emphase", einige Stränge des Films seien "durchaus tragfähig und immer wieder überraschend". Allerdings nehme sich Moore, der als Filmerzähler "sentimentaler sein kann, als es Frank Capra und die Regisseure der Roosevelt-Ära je gewesen sind", "arg viel Zeit für Tränen".
Daniel Sander von Spiegel Online stellt fest, Moore biete "keine ausgewogene Wirtschaftsanalyse, sondern offene Propaganda", und zwar eine der "besten Sorte". Man könne dem Regisseur "wie immer eine extrem selektive Wahrnehmung vorwerfen, Tatsachenverdrehung und billige Polemik", aber Capitalism sei ein "rundherum ehrliches, leidenschaftliches Projekt".
Cristina Nord von der taz moniert, bei Moore sei diesmal die Empörung "so groß, dass die paar Pointen (...) dem selbstgerechten Tremolo unterliegen". Penetrant sei zudem "Moores Hinwendung zum Katholizismus". Ganz anders beurteit die Kritikerin Claire Denis' Film; sie arbeite in White Material mit einer "fragmentierten Zeitlinie", die "Rückblenden, Visionen und die Gegenwartsebene" ergäben ein "komplexes Gewebe".
Peter Zander von der Welt meint, Moore werde diesmal "nicht Herr über sein Thema": "Wie ihm in Fahrenheit 9/11 der Irakkrieg dazwischen kam, versucht er auch jetzt, den aktuellen Geschehnissen hinterherzufilmen und zeigt doch nur Bilder, die wir schon sattsam kennen". My Son, my son, what have ye done von Werner Herzog, diese "Kammerspiel um einen Muttermörder", sei ist ein "erklärter Guerilla-Film, mit dem der deutsche Regisseur zeigen will, wie das Kino, das amerikanische zumal, in der Krisenzeit operieren sollte: mit Guerillataktik". Kurz besprochen werden die Filme von Patrice Chéreau und Claire Denis.
"In der typischen Moore-Manier aus Holzhammerargumentation und polemischen Gegenschnitten wird die Geschichte des Kapitalismus von den alten Römern bis heute erzählt, unterlegt mit wuchtigem Actionfilm-Soundtrack", schreibt Christina Tilmann vom Tagesspiegel.
3./4. Tag
Michael Althen von der FAZ schreibt über Bad Lieutenant - Port of Call: New Orleans von Werner Herzog: "Es ist natürlich schon ein Remake, insofern es die Situation des Helden kopiert, Teile der Geschichte und Szenen verwendet, aber es ist natürlich auch kein Remake, weil es mit dem Geist des Originals nichts zu tun hat". Insgesamt sei dies ein "ganz ordentlicher, atmosphärisch dichter, manchmal gar exzentrischer Polizeifilm". Auch Lourdes von Jessica Hausner wird besprochen.
Christine Tilmann vom Tagesspiegel hat beobachtet, Herzogs Film zeige "das Leben in einem Katastrophenort, in dem alle Existenz unmöglich schien"; er sei eine "finstere Fahrt durch die menschliche Nacht, ein klassischer Genrefilm, dem Werner Herzog seinen unverkennbaren Stempel aufgedrückt hat". Jessica Hausner beeindrucke mit einer "nüchternen Bestandsaufnahme vor Ort, an einem der extremsten, abschreckendsten Orte der Welt".
Peter Zander schreibt in der Welt, im Vergleich zu Abel Ferraras Vorlage, bei der sich "Abgründen" auftaten, operiere Herzog nur im "Souterrain" und zeige "keine eigene Signatur mehr". In Lourdes meistere Jessica Hausner den Spagat, "die Würde des Ortes zu wahren, ohne ihm unkritisch zu huldigen". Nach den "großen, aufwändigen Star-Epen" der ersten Tage sei es dieser "kleine, stille, kontroverse Film", der bislang am meisten aufhorchen ließ.
Die NZZ meldet, dass zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte der Biennale ein Regisseur mit zwei Filmen im Wettbewerb steht - Werner Herzog ist nämlich auch der Regisseur des "Überraschungsfilms" My Son, My Son, What Have Ye Done?.
2. Tag:
Michael Althen von der FAZ hat (REC)2, gesehen, die "smarten Fortsetzung des spanischen Horrorerfolgs" von Jaume Balagueró und Paco Plaza, sowie den Eröffnungsfilm Baarìa von Giuseppe Tornatore, der nicht viel mehr biete als "ein paar goldgerahmte Erinnerungsseligkeiten". Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau empfand Tornatores Film als "selbstverliebt". Life During Wartime von Todd Solondz
sei "das erste Meisterwerk des Festivals, ein ebenso radikaler wie zurückhaltender Film über die moralische Befindlichkeit eines Landes in einem Zustand kollektiver Paranoia". The Road von John Hillcoat (nach Cormack McCarthys Roman) werde von Viggo Mortensen in der "wohl besten Leistung seiner Karriere" getragen, doch die moralische Aussage "wirkt zusehends aufdringlich".
Cristina Nord von der taz schreibt, Hillcoats Film habe "einige schwer auszuhaltende Szenen - beiläufig ins Bild gerückte Fleischerhaken, plötzlich am Rand des Sichtfelds auftauchende Eingeweide, eine aus der Distanz gefilmte Menschenjagd" - , aber die Effekte würden "verhalten eingesetzt", die Grundhaltung sei "eher ruhig, gedämpft wie die Farbpalette". Auch Todd Solondz strapaziere die Nerven, "freilich auf ganz andere Weise"; schade sei allerdings, dass Solondz "seine Figuren in ihren Neurosen einsperrt. So hat man den Eindruck, er führe sie vor, statt sie ernst zu nehmen".
1. Tag:
Der Tagesspiegel bespricht den Eröffnungsfilm Baaria von Giuseppe Tornatore: Der erzähle, "wie könnte es anders sein beim Regisseur von Cinema Paradiso“, von der "Wiedergewinnung eines Kinos". "Dezidiert autobiografisch" sei das im sizilianischen Heimatort des Regisseurs angesiedelte Familienepos, "eher nostalgisch" und "liebevoll-gemächlich". Auf die Süddeutsche Zeitung wirkte der Film, als hätte man einen "vergleichbaren Berlin-Film einzig und allein aus Heinrich-Zille-Genreszenen komponiert"; die Geschichte werde von dem "selbstauferlegten Zwang erdrückt, gleichzeitig Massenspektakel zu sein". Auch die Welt bespricht den Film.
Die Süddeutsche Zeitung hat mit Oliver Stone gesprochen, der in Venedig seinen Dokumentarfilm South of the Border vorstellen wird.
2.9.:
Heute beginnen die 66. Filmfestspiele von Venedig. Die Welt und die Frankfurter Rundschau blicken voraus.
