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Aktualisiert am 10.12.2007

Filmkritik:

Madonnen

Madonnen

D/Schweiz/Belgien 2007 R: Maria Speth D: Sandra Hüller, Luisa Sappelt, Coleman Orlando Swinton, Susanne Lothar, Gerti Drassel, Olivier Gourmet, Ariana Lewis, Kenneth Uhle, Elli Götz 120 Min. Filmwebsite
Rita, fünffache Mutter, ist mit ihrem Säugling nach Belgien geflohen, weil in Deutschland nach ihr gefahndet wird. Sie versucht ihren leiblichen Vater zu finden, den sie nie kennen gelernt hat. Ihr Auftauchen führt zu familiären Komplikationen. Sie wird schließlich von der belgischen Polizei verhaftet und nach Deutschland abgeschoben, wo sie eine längere Gefängnisstrafe verbüßt. Nach ihrer Entlassung holt sie ihre vier anderen Kinder, die bei Ritas Mutter Isabella leben, zu sich. Mit Unterstützung Marcs, eines in Deutschland stationierten US-Soldaten, entwickelt sich fast so etwas wie normales, familiäres Leben. Aber das Glück ist nicht von Dauer.

Für Esther Buss vom Filmdienst gibt es "wenige Themen, die in der Öffentlichkeit so emotionalisiert verhandelt werden wie die Diskussion um vernachlässigte Kinder und ihre so genannten 'Rabenmütter'". Deshalb sei die Entscheidung der Regisseurin "nachvollziehbar und Klug", sich "ganz auf das Beobachten und Zeigen zu beschränken, anstatt zu beurteilen oder auch um Verständnis zu werben". Der Film sei aber auch etwas spröde - wie seine Protagonistin. Mit seiner "abweisenden Haltung" verweigere er sich gegen "jeden Anflug von Anteilnahme oder gar Humanismus", er ähnele eher den Filmen der Dardenne-Brüder (Koproduzenten von Madonnen) als denen von Ken Loach. Eine "scharfe Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse", wie sie Rosetta beeinhalte, fehle hier, "an die Stelle von Psychologie und 'Innenleben' treten Wortlosigkeit und Leere".

"Geduld ist in Maria Speths weniger bebilderndem als innere Bilder freisetzendem Film die Voraussetzung für die erlösende Ambivalenz, die den ebenso befremdlichen wie provokanten Szenen innewohnt", schreibt, gerade noch verständlich, Heike Kühn von der Frankfurter Rundschau. Ihr gefiel der über "tief traurige, aber auch schmerzlich realistische" Film sehr gut, auch Dank dreier "großer Schauspielerinnen".

Cristina Nord von der taz gefiel es, dass Maria Speth weder Klassifikationen vornimmt noch ein Urteil ausspricht: "Sie lässt nicht zu, dass man Rita mit einem Begriff wie 'Rabenmutter' kommt oder sich instinktiv gegen die Figur wendet, nur weil man überzeugt ist, eine Mutter dürfe so nicht sein". Die "Unbarmherzigkeit" eines Bruno Dumont ( Twentynine Palms, Flandres) sei der Regisseurin fremd, ihr gehe es nicht darum, "die Schlechtigkeit der Welt herauszustreichen, ihr geht es ums Registrieren, ums Beobachten". Madonnen mache seinen Zuschauern "das Geschenk, dass sie selbst sehen müssen, wie sie damit klarkommen".

Auch Katja Nicodemus von der Zeit ist beeindruckt. Für sie ist das Besondere an diesem Film "weniger die Wahl der verschlossenen Hauptfigur als seine neutrale, man könnte auch sagen: faire Haltung zu ihr". Die "größte Leistung dieses Films" liege wohl darin, zu zeigen, "wie nahe man einem Menschen auf der Leinwand kommen kann, ohne ihn verstehen zu müssen". Die Kameraarbeit spiele dabei eine bedeutsame Rolle: "Mit seiner vorsichtig den Bewegungen der Kinder folgenden Kamera hält Reinhold Vorschneider eine Halbdistanz, die den Unterschied ausmacht zwischen bloßer Fallstudie und vieldeutigem Kunstwerk, Sozialrealismus und Kino".

Sandra Hüller sabotiere den Film dadurch, dass sie "so stark spielt", meint Thorsten Dörting von Spiegel Online: "Die Schärfe und Schlagfertigkeit, mit der sie gleich zu Beginn die belgischen Polizisten zurechtbellt, ihre maliziösen Ausfälle gegenüber ihrem Freund, ihr bestimmter Blick zeugen von zuviel Kraft zur Reflexion und vor allem Selbstbestimmtheit, als dass man ihr die Verlorenheit Ritas abnähme". So sei Madonnen "ein kleiner Film, sperrig und spröde, anstrengend - aber leider nicht ganz gelungen".

Madonnen wurde im Forum der Berlinale 2007 gezeigt. Christiane Peitz vom Tagesspiegel hätte sich bei Maria Speths Sozialdrama Madonnen etwas von Ken Loachs "Empathie" gewünscht, "aber vielleicht ist so viel Distanz nötig, um nicht in die Falle sozialpädagogischer Fürsorglichkeit zu tappen."

Der Film gewann den Hessischen Film- und Kinopreis als bester Spielfilm, wie die FAZ im Oktober meldete.
Sandra Hüller gewann beim Filmfestival im argentinischen Mar del Plata für ihre Darbietung in Madonnen den "Silbernen Astor", meldete die taz.

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