Filmkritik:
Red Road
GB/Dänemark 2006 R: Andrea Arnold D: Kate Dickie, Tony Curran, Martin Compston, Natalie Press, Paul Higgins, Andy Armour, Carolyn Calder, John Comerford 113 Min. Filmwebsite
Jackie arbeitet bei einer Glasgower Sicherheitsfirma. Sie beobachtet Straßenzüge über ihre tonlosen Monitore. Einmal entdeckt sie auf ihren Kameras jenen Mann, der den Tod ihres Mannes und ihrer Tochter verschuldete. Sie folgt ihm, sinnt auf Rache. Dafür taucht sie in die laute Glasgower Halbwelt ein, die sie bislang nur über ihre Monitore beobachtet hat.
Stefan Volk ( Filmdienst) gefiel der Film von Andrea Arnold, der zu einer von Lars von Trier, Lone Scherfig und Andres Thomas Jensen entwickelten Trilogie gehört, in der immer "dieselben Schauspieler dieselben Figuren" spielen sollen. Der Film sei "ruhig, lyrisch, tiefgründig und dabei spannend wie ein Thriller." Arnold nehme "das Publikum mit auf die Suche nach einer tieferen Wahrhaftigkeit unter den Bilderoberflächen." Dekonnt zitiere sie Antonioni und auch David Lynch. Nur das Ende hat ihm nicht so gefallen. "Auch die sinnlich-wuchtige Intensität, mit der Arnold, deren Kurzfilm Wasp 2005 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, den Racheakt inszeniert, vermag den Bruch, der hier entsteht, nicht zu kaschieren. Letztlich kann es dem wunderbaren Film aber seinen Zauber nicht rauben."
Dietmar Kammerer ( taz) schreibt: "In seiner Mischung aus Versatzstücken von Sozialrealismus und Technothriller ist Red Road eine Art gebremster Film noir für die Gegenwart." Arnold suche im Überwachungsthema nicht die gesellschaftliche Dimension, sondern hebe auf das Innenleben der Überwachenden ab. Auch wenn die Geschichte vielleicht eher für einen Kurzfilm geeignet sei, entschädige Arnold "mit einem atmosphärisch dicht gestrickten Film, in dem von jedem Bild eine latente Bedrohung auszugehen scheint."
Andreas Busche ( epd-film) spricht von einem "beachtlichen Debüt (...). Das große Plus ist hier vor allem die schottische Fernsehdarstellerin Kate Dickie, deren introvertierte, leicht skeptische Blicke die eigentliche, die innere Handlung von Red Road tragen. (...) Es ist das Vage, buchstäblich Unscharfe, das Arnolds Film so faszinierend macht. Lange Zeit scheint sich Red Road in einer Halbwelt abzuspielen, die keiner Realität zuzuordnen ist. Solange der Film sich seiner Hauptfigur atmosphärisch zu nähern versucht, überzeugt er als komplexe, sich in Widersprüchen verstrickende Charakterstudie einer Frau, die den Kontakt zu ihrer Umwelt verloren hat. Sobald der Film jedoch die klaustrophobische Enge von Jackies Überwachungsturm verlässt, verfällt er zusehends in psychologische Klischees."
Jan Schulz-Ojala ( Tagesspiegel) schreibt, zu Beginn erhalte der Film durch die Beschränkung auf die Beobachterposition eine "stille Spannung, aus der er seinen tiefsten Reiz bezieht." Doch später strapaziere er "den Zuschauer (...) abseits seines schönen Vorsatzes, behutsam in ein rätselhaft versperrtes Leben hineinzuleuchten. Seine dramaturgische Klimax wäre bei einem Hyperrealisten wie Lars von Trier zumindest ästhetisch glaubwürdiger aufgehoben gewesen, und die in den finalen Tableaus angestrebte große sozialfamiliäre Anrührung erinnert eher unvorteilhaft an die Vorbilder Ken Loach und Mike Leigh. Immerhin bleibt Red Road zumindest stilistisch beim Prinzip Sprödigkeit, da mag das Drehbuch aus der Feder der Regisseurin noch so sehr Kapriolen schlagen."
Red Road wurde 2006 in Cannes gezeigt und von der deutschprachigen Kritik sehr unterschiedlich aufgenommen:
Andreas Bocholte vom Spiegel war von dem Film nicht sehr begeistert: "Wären da nicht die schöne filmische Einbindung des öffentlichen 'Big Brother'-Überwachungsapparates (...) und die schaurige Kulisse der Glasgower Hochhausghettos - Arnolds Regie-Debüt Arnolds wäre kaum mehr als unmotiviert, langatmig und schlecht geschrieben."
Süddeutsche Zeitung schrieb: "Arnold findet überaus intensive Bilder für die seelische Entwicklung ihrer Hauptfigur (...). Die Kameraarbeit in Red Road hätte jede Auszeichnung verdient. Doch das Drehbuch führt den Zuschauer so ärgerlich auf eine falsche Thriller-Fährte, dass die Auflösung am Ende in sich zusammen bricht."
Auch Katja Nicodemus von der Zeit beurteilte Red Road eher skeptisch.
Für Martin Walder von der NZZ war der Film eine "Entdeckung des Festivals"; Andrea Arnold beweise ein "hervorragendes Gespür für Räume, für Rhythmus, für kleine Geschichten am Rand"; ihr "visuell suggestiver Trip" gehe einem nicht mehr aus dem Kopf.
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