Filmkritik:
Das Reichsorchester
D 2007 R: Enrique Sánchez Lansch D: Johannes Bastiaan, Erich Hartmann, Andreas Röhn, Ursula Küllmar, Ingrid Lorenz, John Schuster, Andreas Hoppe, Christiane Weißfinger, Dr. Christian Buchholz 90 Min Filmwebsite
Der Dokumentarfilm beleuchtet die Rolle der Berliner Philharmoniker zur Zeit der NS-Diktatur. Im Mittelpunkt stehen die Musiker, die Menschen, die Einzelschicksale.
"In Anlehnung an Misha Asters gleichnamiges Buch konfrontiert der Dokumentarist Enrique Sánchez Lansch (Rhythm Is It!) Gespräche mit letzten lebenden Zeitzeugen und den (auch schon alt gewordenen) Kindern von Orchestermitgliedern mit teils atemberaubenden Filmdokumenten", schreibt Christiana Peitz vom Tagesspiegel. Die präsentierten Fakten könne man auch im Buch nachlesen, aber der Film mache es "sinnfälliger: wegen der Musik, der Gesichter und der bei der Expedition in verschüttete Familiengeschichte ungläubig staunenden Nachgeborenen". Der Regisseur Sánchez Lansch setze das "Puzzlebild von Schönheit und Verbrechen, Schuld und Scham präzise und besonnen zusammen".
Henning Bleyl von der taz gefällt, dass Wilhelm Furtwängler im Film wenig vorkommt, weil die "Fokussierung auf die Perspektive "einfacher" Orchestermitglieder" tatsächlich neu sei, "während der Streit um das Verhalten des Stardirigenten schon unsere Großtanten beschäftigte". Der Film könnte allerdings "vielfältiger" sein, Lansch verlasse sich "so sehr auf seine beiden Hauptzeitzeugen, dass sich ihre Erinnerungen zu wiederholen beginnen". Der Regisseur habe für seinen Film "nicht die besten Bedingungen" gehabt, um seinen "genauen und liebevollen Erzählduktus zu zeigen", eine der "spannendsten Dokumentationen der letzten Zeit" sei ihm dennoch gelungen.
"Eine Bombe, das Thema", findet Kai Luehrs-Kaiser von der Welt. Die Orchestermitglieder spielten nämlich nicht nur "regelmäßig exklusiv zu Hitlers Geburtstag - Goebbels hielt die Glückwunsch-Rede und Furtwängler schüttelte ihm die Hand", sie waren auch vom Kriegsdienst freigestellt. Es sei "großartig", wie Sánchez Lansch sein "hoch aufgeladenes, komplexes Thema durch schlichte Erzählungskunst, ohne viel Fakten, fast nur mit Interview-Schnipseln emotional ausbalanciert". Dabei "reden sich einige fast um Kopf und Kragen". Dieser Film, "erschütternd kleinlaut und konkret", sage über Vergangenheitsbewältigung in Deutschland "mehr aus als Geschichtsstunden. Man spürt, wie nah Erkenntnis und Verblendung, Erinnerung und Vergessen einander sind".
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