Filmkritik:
Die Reise des jungen Che - The Motorcycle Diaries
(Diarios de motocicleta) USA/D/Gb R: Walter Salles D: Gael García Bernal, Rodrigo de la Serna, Mía Maestro, Mercedes Morán Filmwebsite
Der 23-jährige Ernesto 'Che' Guevara und sein Freund Alberto reisen 1952 mit dem Motorrad durch Südamerika. Walter Salles Film lief in diesem Jahr im Wettbewerb von Cannes.
Der Film "folgt den Büchern, die Che und Alberto später über diese gemeinsame Reise und ihre Erfahrungen schrieben", weiß Fritz Göttler von der Süddeutschen Zeitung. Walter Salles bekenne sich zum Erbe des Neorealismus", aber die beim Dreh proklamiert Freiheit - "16mm-Kamera, Filmen in chronologischer Folge, Verarbeitung von Erfahrungen on the road" - habe er "der Ikone der Weltrevolution geopfert". Die "Aura von Che" schließe den Film "hermetisch ab, stumpft seine Bilder ab, setzt diffuse Solidarität mit den Unterdrückten, Ausgebeuteten, Kranken an die Stelle risikobereiter Freundschaft".
Kerstin Decker vom Tagesspiegel, mochte bei einigen Szenen "vor so viel Symbolik (...) im Kinosessel tot umfallen". Bei allem Pathos aber erfahre man "sehr viel über den frühen Ernesto" und wie ihne die "Begegnung mit dem absurden Elend des Kontinents" geformt habe.
Hanns-Georg Rodek von der Welt lobt zunächst dieses Road Movie, weil es "ausgezeichnet gespielt, komisch und bewegend in den genau richtigen Dosen, schwerelos dahinschwebend, sich die frische Luft um die Nase wehen lassend" sei. Indem Salles aber die Erfahrungen Guevaras mit einem Weichzeichner überziehe, mache er es uns "auch schwerer, die Erweckung des sozialen Gewissens bei ihm nachzuvollziehen". Man verstehe einfach nicht, wie aus diesem jungen Mann später der kompromisslose Revolutionär wurde. Letzlich wirke der Film "wie Balsam auf die Seelen einer aufgeschreckten Bourgeoisie, der die Umverteilung inzwischen doch etwas zu weit zu gehen scheint".
Ein "zutiefst leidenschaftliches und uneitles Coming-of-Age-Movie" hat Blickpunkt:Film gesehen, das "mit heiteren Episoden beginnt, um später ernst über Lebensanschauungen und politische Notwendigkeiten zu referieren". Gael Garcia Bernal spiele die Hauptfigur so, dass man "nicht den Blick von ihm abwenden kann".
Diedrich Diederichsen ( Zeit) untersucht das Verhältnis zwischen Film, Mythos und Politik und kritisiert: Um "Positionen, Ideen, Diskussionen, verbalisierbares Interesse an der Welt" gehe es in diesem Film nicht. Ein Revolutionär müsse stattdessen "in erster Linie schön sein, (..) für seine Revolution eine schöne Landschaft finden" und "schöne Frauen, die ihm dabei zuschauen".
Andreas Busche ( taz) meint, der Film entwickele die "langsame Politisierung" Che Guevaras aus den "Verwerfungen der Landschaft, ihren Bewohnern und stilisierten Stillleben", die an "amerikanische Folk-Fotografien aus den 40er-Jahren" erinnerten. Obwohl er "die Leerstellen der politischen Geschichte" nicht zu füllen vermöge, gelänge dem Regisseur "die Schilderung einer politischen Begriffsbildung".
Andreas Kilb ( FAZ) meint, Salles habe keine Lust "zorniger, politischer, haßerfüllter" über Südamerika reden. Er habe vielmehr "Heimweh nach einer Welt", in der er nie gelebt habe, "einer Welt im Frieden" und davon erzähle der Film sehr schön.
"Wenn der unter Asthma leidende Ernesto schließlich nachts durch den Amazonas schwimmt, um seinen 24. Geburtstag mit den Leprakranken zu feiern, die man auf die andere Seite des Flusses verbannt hat, weiß man, was man schon nach den ersten Einstellungen ahnte: Die Reise des jungen Che ist der Film zum T-Shirt", meint Sascha Westphal ( Frankfurter Rundschau).
Oliver Hüttmann vom Spiegel hat "reines, großes und auch großartiges Gefühlskino" gesehen, aber "keine intellektuelle Auseinandersetzung mit Guevara oder der kubanischen Revolution".
Die taz hat Walter Salles interviewt.
Infos zu diesem Titel
• Sprachen: Deutsch (Dolby Digital 5.1) Spanisch (Dolby Digital 5.1)
• Untertitel: Deutsch, Spanisch
• Bildformat: 16:9
• Dolby, DTS Surround Sound, Surround Sound, PAL
• Laufzeit: 121 Minuten
• DVD Erscheinungstermin: 19. Mai 2005
• Produktion: 2003
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