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Aktualisiert am 16.04.2006

Filmkritik:

Requiem

Requiem

D 2005 R: Hans-Christian Schmid D: Sandra Hüller, Burghart Klaußner, Imogen Kogge, Anna Blomeier, Friederike Adolph, Walter Schmidinger, Nicholas Reinke Filmwebsite
Der Film schildert das auf einer wahren Begebenheit beruhende Schicksal einer jungen Frau, die Anfang der 70er Jahre in der katholischen Provinz von Priestern einer Teufelsaustreibung unterzogen wurde und schließlich an Entkräftung starb.

Josef Lederle vom Filmdienst meint, der FIlm werfe einen "nüchternen Blick" auf den sogenannten 'Fall Klingenberg' und stelle dabei "indirekt auch das Mini-Genre des Exorzismus-Films vom Kopf auf die Füße". Requiem ende dort, wo "nach landläufiger Meinung ein Exorzismus-Film erst beginnt: bei der 'Teufelsaustreibung'“. Das "raues, bedrängende Seelendrama" profitiere von seinem "klug srukturierten Drehbuch", einem "stringenten ästhetische Konzept" und von Sandra Hüller, die die Hauptfigur "grandios" verkörpere. Der FIlm verzichte auf "jede auktoriale Anmaßung und zwingt durch ihre konzentrierte Dramaturgie, die sprunghaften Wendungen und Erlebnisse von Michaela geduldig mitzugehen".

Die "große Kunstfertigkeit" von Requiem liegt Christian Schüle von der Zeit zufolge in der "Diskretion, mit der das Neurotische behandelt wird. Mit der Kraft der Andeutung fängt Hans-Christian Schmid die existenzielle Verlorenheit seiner Heldin ein". Der FIlm komme "gerade recht in einer Zeit, in der sich die Kulturen zu refundamentalisieren beginnen, in der missionarischer Eifer diskursive Vernunft verdrängt und Verblendung die Menschen in Freund und Feind, Gläubige und Ungläubige spaltet". Still spiegele der Film einen "Rückfall in die religiöse Reaktion und kontert den erschreckend naiven Feldzug des Guten gegen das Prinzip der Differenz".

Sascha Westphal von der Frankfurter Rundschau lobt, dass die "unspektakulären Bilder vom Leben in der Provinz" sich zu einem "Klagegesang" zusammenfügen, der das "tragische Schicksal einer Frau betrauert, die trotz aller Bemühungen nicht zu retten ist". Auf "subtile Weise" werde dem Raum um Michaela seine "Stabilität" genommenund vermittele so einen "Eindruck von ihren Empfindungen".

Cristina Nord von der taz schreibt: "Hans-Christian Schmids Film geht sparsam mit dem Toben und Wüten der Protagonistin um, er bezieht seine Eindringlichkeit niemals aus Versatzstücken, die einschlägigen Horrorfilmen entlehnt sein könnten, obwohl eine solche Leihnahme angesichts des Sujets nahe läge". Sandra Hüller "unterspielt eher, als dass sie mit Nachdruck auf die Verwirrung ihrer Figur verwiese"; das sei eine "bewundernswerte Leistung". Auch der Szenenbildner Christian M. Goldbeck wird dafür gelobt, wie der die 70er-Jahre "nachbildet, ohne dass das Zeitkolorit sich je in den Vordergrund drängte".

Für Elmar Krekeler von der Welt ist dieser "zärtliche, ruhige, schmerzende Film" ein "Porträt der Siebziger (das schmerzvollste, genaueste seit langem), die Geschichte einer unausweichlichen Familienkatastrophe".

"Tröstliche Esoterik hat in seinem Psychodrama ebenso wenig Platz wie Blut-und-Dornen-Ikonografie", lobt Christian Buß von Spiegel Online; "konsequent effektfrei" komme Schmids Film daher, "ganz anders also als die Special-Effects-Maschinerie der katholischen Kirche".

Claudia Lenssen von epd Film sah ein "ungefälliges Psychodrama", dessen "Zuspitzung auf das Desaster von Angst, Stress und Kontrollverlust" ihn "treffend aktuell" mache, "nicht die immanente Polemik gegen erstarrten Fundamental-Katholizismus". Requiem lebe vom "Effekt einer quasi dokumentarischen Inszenierung, die nicht schönt, erklärt oder historisch einordnet, sondern in der Farbgebung, in Tempo, Kadrierung und Sound unmittelbare Einfühlung suggeriert".

Andreas Kilb von der FAZ hat einen "großen Film" gesehen. Schmids Regieleistung sei "nicht nur gut, sie ist beispielhaft", er hätte daür einen Regiepreis bei der Berlinale verdient. Sandra Hüllers Auftritt sei "das aufregendste Debüt einer deutschen Filmschauspielerin seit Julia Jentsch und Sophie Scholl".

"Schmid schildert den Kreuzweg der jungen Frau analytisch und gradlinig und umgeht mit schlafwandlerischer Sicherheit die gängigen Klischees", lobt Claudia Schwartz (NZZ) und schreibt weiter: " Seine grosse Kunst besteht in der äussersten Zurückhaltung, was die Darstellung der Gläubigkeit einer Familie wie auch die Krankheit Michaelas anbelangt. (...) Allerdings erweist sich die Stärke des Films, der keine schnellen Antworten gibt, auch als seine grösste Schwäche: Am Ende bleibt zu vieles in der Schwebe."

Die FAZ berichtet über den "Fall Klingenberg", auf dem Hans-Christian Schmids Film beruht.
Der Filmdienst und der Tagesspiegel haben mit Hans-Christian Schmid gesprochen, ebenso die Süddeutsche Zeitung.
Die Welt am Sonntag und die FAZ porträtieren Sandra Hüller, der Tagesspiegel schreibt über den Schauspieler Jens Harzer.
Die WamS interviewte Hans-Christian Schmid kurz vor der Berlinale 2006.

Requiem lief im Wettbewerb der Berlinale 2006, Sandra Hüller gewann einen Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin. Festivalstimmen finden Sie hier und hier.

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