Filmkritik:
Yes
GB/USA 2004 R: Sally Potter D: Joan Allen, Simon Abkarian, Sam Neill, Shirley Henderson, Sheila Hancock, Samantha Bond, Stephanie Leonidas, Gary Lewis, Wil Johnson, Raymond Waring Filmwebsite
Eine von ihrem englischen Ehemann betrogene Amerikanerin beginnt ihrerseits eine leidenschaftliche Affäre mit einem Libanesen.
Die Dialoge und Off-Kommentare der Protagonisten sind in Versmaß verfasst, "häufig in der Form von jambischen Blankversen (mit zehn Silben pro Zeile)", wie Jörg Gerle vom Filmdienst erläutert. Er ist begeistert von diesem Film, der auf der inhaltlichen Ebene zwar "dem Prinzip der aktuellen romantischen Hollywoodkomödie" folge, den seine Form jedoch "einzigartig" mache und "über das Gros landläufiger Liebesfilme weit hinaus hebt". Da ist zunächst die erwähnte Besonderheit der Sprache. Angesichts der "ungezwungen aufspielenden Akteure" vergesse man "in den besten Szenen des Films jegliche Künstlichkeit" und genieße "den virtuosen, ebenso sinnigen wie sinnlichen Umgang mit der Sprache", so Gerle. Neben der Sprache seien "auch die anderen Komponenten des Tons dafür verantwortlich, dass aus der romantischen Geschichte ein ästhetischer Hochgenuss wird. Allen voran die Musikauswahl, für die Sally Potter zum Teil mit eigenen Kompositionen verantwortlich zeichnet."
Gerles Fazit: " Yes zelebriert den totalen Sieg der Form über den Inhalt, was in der Folge ein an sich unspektakuläres Werk zum Kunstwerk erhebt." Daraus resultiert auch sein Plädoyer für den Genuss des Films in der Originalfassung und im gut ausgestatteten Kino: "Jeder Eingriff von außen kann die ausgeklügelte Balance zwischen Form und Inhalt aus dem Gleichgewicht bringen und das Kunstwerk zerstören. Es reicht schon eine mäßige Tonanlage im Kino oder auch jede Form von Synchronisation mit den unumgänglichen Einbußen an Dynamik und vor allem dem Verlust des originalen Sprachduktus, um aus Yes nur noch einen belanglosen, im Zweifel unfreiwillig komischen Film zu machen. Das, was Yes so einzigartig macht, erschließt sich nur im Original!"
" Yes ist (...) zugleich ein avantgardistisches Experiment und großes filmisches Welttheater", meint Sascha Westphal (Frankfurter Rundschau). Sally Potters "eigenwilliger Einsatz selbst disparatester filmischer Techniken" habe "zweifellos eine revolutionäre Dimension." Und allein "die Selbstverständlichkeit, mit der Joan Allen, Simon Abkarian und Sam Neill in der Originalfassung des Films Sally Potters Blankverse sprechen", mache " Yes zu einem einzigartigem Kinoerlebnis". Westphals Fazit: "Sally Potters Sprache und Bilder verweisen immerfort auf grundsätzliche Fragen, die den gegenwärtigen gesellschaftlichen Problemen und Spannungen zugrunde liegen. Sie schaffen einen philosophischen Rahmen. In ihm ist das 'Ja' zu einer Liebe zwischen einer ihrem Glauben entfremdeten Katholikin und einem Moslem, der in seiner Religion seine Heimat hat, auch ein 'Ja' zu einer spirituellen wie auch politischen Vision."
Auch Christina Tilmann (Tagesspiegel) spricht von einem "ungewöhnlichen Film-Experiment", ist aber kritischer als ihre Kollegen. Auch sie ist zwar beeidruckt von der "geradezu archaischen Wucht" der Sprache, jedoch: "Theater, mehr als Film, ist dieses von der Regisseurin, Musikerin und Performance-Künstlerin Sally Potter ( Orlando, Tango Lesson) selbstverfasste Drehbuch. Vielleicht wäre es auf der Bühne besser angesiedelt gewesen." Sie hat noch einiges mehr auszusetzen: "Sehr konstruiert also wirkt das ganze Vorhaben, wie eine lyrische Kopfgeburt – und es macht die Sache auch nicht besser, dass im Film fortwährend ein antiker Chor auftaucht, und sei es in Form einer einzigen, allerdings vorwitzigen Putzfrau (...) Unfreiwillig komisch ist das oft – und auch das ganze Setting, die makellos weiße Wohnung, kommt mehr als Labor denn als Lebenswelt daher. (...) Wenn man der kruden Story dennoch über weite Strecken bereitwillig folgt, so ist das ein Verdienst der beiden Hauptdarsteller."
"Sally Potter lotet die Konflikte einer Beziehung zwischen zwei kulturellen und religiösen Hintergründen aus und setzt sie in differenzierten Dialogen um", schreibt Nicole Hess (taz) in einer Kurzbesprechung. Die Inszenierung verfüge über "ebenso witzige wie überraschende Mittel der Brechung".
Yes lief im Panorama der Berlinale 2005.
Kerstin Decker (Tagesspiegel) schrieb damals: "Potter und ihren wunderbaren Schauspielern gelingt es, etwas zu zeigen, was man im Kino selten zu sehen bekommt: die Liebe. Meist ist sie im Kino eine Behauptung, hier ist sie die Erweckung zum Dasein, zum Sehen, zum Schmecken, ist Fantasie und Schöpfung. (...) Eine Kollegin hat sich nach Filmende lautstark über 'diesen Kitsch' beschwert. Denn Yes geht gut aus, sonst hieße er ja 'No'. Nur, ist ein Happy End Kitsch?"
Und Claudia Schwartz (NZZ) berichtete: "Hie und da richtet sich ein durchs Bild huschendes Dienstmädchen schon einmal direkt an die Zuschauerin, um das Geschehen zu kommentieren. Was die Bandbreite vom Glück zum Unglücklichsein und zurück gleich vielschichtig im brechtschen Sinne durchmisst. Texte von Shakespeare und im Strassen-Rap befördern die Montage von Culture Clash, Glaubensfragen, Putzphilosophie, inneren Stimmen und einem sinnlichen Tête-à-tête im gehobenen Restaurant zu einem hochartifiziellen Wurf, wie man ihn in Potters Orlando schätzte."
Der Filmdienst und die taz haben Interviews mit Sally Potter geführt.
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