Filmkritik:
Marseille
D 2004 R: Angela Schanelec D: Maren Eggert, Alexis Loiret, Marie-Lou Sellem, Alexander Simon, Devid Striesow, Louis Schanelec, Emily Atef, Sophie Aigner Filmwebsite
Die Fotografin Sophie aus Berlin flüchtet vor privaten Verwicklungen nach Marseilles. Birgit Glombitza von der Zeit lobt Angela Schalanec, der in ihren Filmen "immer wieder Miniaturen von bestechender Dichte und Wahrheit" gelängen. An Marseille hat ihr vor allem Schalanecs ellipsische Erzählweise gefallen: "In Schanelecs eigensinnigem Realismus werden Effekte und Emotionen förmlich zwangsdemokratisiert. Besonders rabiate Maßnahmen erledigt häufig die Montage. Sie lässt Heldinnen in Hofeingängen oder an Kreuzungen verschwinden und setzt sie wie verirrte Maulwürfe in der nächsten Einstellung an einer S-Bahn-Station wieder aus. (...) Dazwischen können Minuten, Tage, Monate liegen."
Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel ist begeistert von den Bildern des in seiner Erzählweise an ein "Fotoalbum" erinnernden Films. Das Thema des Films sei Einsamkeit: "Sophie ist ganz auf sich gestellt (...). Jeder Tag ist groß und fremd, wo auch immer. Unvermutet hält er eine Art Glück bereit oder eine furchtbare Erschütterung - nichts weiter als Material für den nach und nach belichteten Film, den wir Leben nennen."
Harald Fricke ( taz) hat der Film ebenfalls sehr gut gefallen: "Ihre Kunst besteht darin, die künstlichen Situationen des Kinos so gegen die Zufälle der Wirklichkeit auszuspielen, dass die gespielte Wirklichkeit am Ende gewinnt. So viel Sinn für die Abgründe der Realität hat im deutschen Kino sonst niemand."
Die Welt schreibt etwas distanzierter über den Film: "Es ist die Sorte Film, die die Franzosen bis in alle Ewigkeit von uns Deutschen erwarten. Er zelebriert den Stillstand", deshalb würden "Stimmungen und Bilder umso wichtiger. Angela Schanelec und ihr Kameramann Reinhold Vorschneider lieben Einstellungen mit Tiefenschärfe, bei denen sich eine Spannung zwischen dem Geschehen im Hintergrund (...) und den Figuren vorne aufbaut."
Peter Körte von der FAZ schreibt: In Marseille sei "eine Art des Sehens und Erzählens, eine Geduld und Genauigkeit, ein Umgang mit Schauspielern und Orten zu spüren, die man bei Regisseuren wie Pialat oder Rohmer findet. Es gibt allerdings auch Szenen, in denen sich das Beiläufige verliert, in denen das Schwere nicht mehr leicht wirkt und die Statik des Brückenschlags nicht mehr stimmt."
Sascha Westphal ( Frankfurter Rundschau) gefällt "die strukturelle Radikalität" der Filme von Schanelec, "das ständige Wechselspiel von langen, unbewegten Einstellungen und jede Kontinuität negierenden Ellipsen". Marseille sei nicht nur als Ganzes "Ausdruck seiner selbst, auch jede Szene besitzt diese wunderbare Autarkie".
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