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Aktualisiert am 19.10.2006

Filmkritik:

Eine unbequeme Wahrheit

Eine unbequeme Wahrheit

(An Inconvenient Truth) USA 2006 R: Davis Guggenheim D: Al Gore 96 Min. Filmwebsite
Der Dokumentarfilm über die Klimakatastrophe beobachtet vor allem den früheren US-Vizepräsidenten Al Gore bei seinen Vortragsreisen zur Erderwärmung.

Hans Messias vom Filmdienst hat der Film sehr gut gefallen. Der Film verdichte sich "zum Porträt einer charismatischen Persönlichkeit, der es Ernst zu sein scheint mit dem, was sie sagt. Dabei bricht Guggenheim die Guckkasten-Optik von Gores Bühnenshow allmählich auf, wechselt Positionen und Perspektiven, verändert Nähe und Distanz, um gleichsam einen rundum ehrlichen Umweltpolitiker und sein Programm vorzustellen."

Auch Jan Schulz-Ojala vom Tagesspiegel mochte den Film, obwohl er "nicht viel mehr als die von Regisseur und Produzent Davis Guggenheim aufgezeichnete Dokumentation" einer der Vorträge Gores sei. "Zwei politische Gründe sind es, die dieses unaufgeregt didaktische Stück Film geradezu magisch erscheinen lassen: eine eigentümliche retrospektive Melancholie, die einen bei den Gore’schen Ausführungen erfasst; und die immer dramatischer wachsende Dringlichkeit seiner nicht einmal besonders originellen ökologischen Thesen."

Franz Everschor (Filmdienst) war ziemlich beeindruckt von Al Gores Dia-Vortrag: "Kaum vorstellbar, wenn man es nicht gesehen hat, dass Modelle, Fotos, Grafiken und Tabellen nicht nur die Fantasie eines Auditoriums beflügeln, sondern auch ein filmisches Eigenleben gewinnen können." Guggenheims Film gelinge es, "einem wissenschaftlich eindeutigen, politisch aber immer noch strittigen Thema die Spannung und Intensität einer Forschungsexpedition zu verleihen".

Bert Rebhandl (taz) ist nicht ganz zufrieden mit den Positionen Gores: Er halse alles dem Konsumenten auf, während Rebhandl gerne auch eine "Debatte um den globalen Kapitalismus" führen würde: "Er hat schon Recht, niemand wird die Weltwirtschaft sofort von Rohöl auf Rapsdiesel umstellen. Aber ein, zwei, viele Hybridautos machen wenig Unterschied, solange die größten Firmen der Welt nahezu ausschließlich aus der Ölwirtschaft kommen." Ein Vergleich mit dem Tabakkonsum hat ihn gestört, und der Film wirke "ein wenig gestrig".

Sascha Westphal (Frankfurter Rundschau) betont einen anderen Aspekt des Films: Es sei eben auch ein Werbefilm für den Politiker Al Gore, der möglicherweise noch einmal ins Präsidentenrennen einsteigen will und dazu sein Image korrigieren muss. So werden die Umstände der damaligen Niederlage erwähnt, nicht aber die "entscheidenden" Fragen: "Warum haben sich die Demokraten und ihr Kandidat seinerzeit so schnell geschlagen gegeben? Warum haben sie nicht medienwirksamer um das Amt gekämpft? Genau diese Fragen will uns der Film vergessen machen. Schließlich wecken sie Zweifel an dem Politiker und Präsidentschaftskandidaten Al Gore, die am Ende nicht einmal ein so geschickt verpackter Werbefilm wie Eine unbequeme Wahrheit ausräumen kann."

Matthias Heine von der Welt fand Al Gore in seinen Vorträgen und im Film "locker, witzig und charmant", der Film werde aber "hier das gleiche Problem haben wie auf der anderen Seite des Atlantiks: Menschen, für die der Anstieg des Meeresspiegels nur ein Anlass zu blöden Witzen über Ökopanikmache ist, werden sich auch durch Gores Tonnen von Fakten nicht überzeugen lassen."

Tobias Hürter und Ulrich Schnabel von der Zeit staunen, mit wie vielen Fakten der Film den Zuschauer überzeugen will. Das meiste davon stimme zwar, aber einiges versuchen sie dann doch gerade zu rücken. Außerdem habe man am Ende "nicht nur einen Film über die Klimaproblematik gesehen, sondern auch hochprofessionell gemachte Werbung für den Menschen und Politiker Albert Gore." Und der werde eben auch nicht sehr konkret, wenn es um zu ergreifende Maßnahmen zum Klimaschutz gehe.

Für Georg Seeßlen (epd Film) bleibt ein "Unbehagen (...). An der Sache selbst, diesem 'Kreuzzug für den planetarischen Ernstfall', wie an der Art, in der sie filmisch vermittelt wird. Die Person verkauft das Thema und umgekehrt, und der Film verkauft beide: Es ist ja für eine gute Sache."

Christoph Egger (Neue Zürcher Zeitung) stellt klar: "Dies ist kein Dokumentarfilm - auch wenn die Chancen, nächstes Jahr den Oscar für den besten langen Dokumentarfilm zu gewinnen, für An Inconvenient Truth nicht schlecht stehen dürften (...). Der amerikanische Dokumentarist Davis Guggenheim legt hier das Porträt eines Mannes mit einer Mission vor. (...) Ganz im Sinn der Interessen seines prominenten Protagonisten, auf den die Kamera ausschliesslich fokussiert, ist Eine unbequeme Wahrheit ein Aufklärungsfilm." "Methodisch-didaktisch" sei Gores Präsentation "perfekt", und Guggenheim habe es verstanden, "sie auch visuell höchst attraktiv umzusetzen".

Rainer Gansera von der Süddeutschen Zeitung sah einen "faszinierend-bewegenden Film", der zugleich "informatives Lehrstück, schönes Al-Gore-Porträt, Homemovie und Katastrophenfilm" sei. Überraschend seien der "melancholische Erzählton" und die Al Gores "Ironie und Freiheit von Selbstmitleid".

Die Welt am Sonntag und die FAZ haben Al Gore zum Gespräch getroffen. Die taz interviewte den US-Umweltaktivisten Jerome Ringo. Die Süddeutsche Zeitung und der Tagesspiegel haben sich ebenfalls mit Al Gore unterhalten.

Der Tagesspiegel und die taz waren bei Al Gores Präsentation des Films in Berlin anwesend.

Laut Spiegel Online finden Wissenschaftler die Fakten über den Klimawandel, die in dem Film präsentiert werden, "erstaunlich akkurat". Die taz gibt Antworten auf ein paar selbstgestellte Fragen zum Film, z.B.: "Warum erzählt Al Gore vom Lungenkrebs?".

Der Film wurde dieses Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt:
Hanns-Georg Rodek (Welt) schrieb über den Film, dessen "einziger Star" Al Gore sei: "Jeder, der einen Kinofilm für möglich gehalten hätte, der im wesentlichen aus einem Mann auf einer Bühne besteht, der Grafiken auf einer Großleinwand hinter sich erklärt, wäre für verrückt erklärt worden. Doch An Inconvenient Truth funktioniert, im wesentlichen, weil sich Gore als eloquenter, humorvoller und leidenschaftlicher herausstellt als das steife Hemd, zu dem er im Wahlkampf zurechtgebügelt worden war. Seine 'Wahrheit' ist ein hypernüchterner, aus der Statistik geborener Horrorfilm, weil der Schrecken aus steigenden CO2-Kurven und Hurricane-Häufigkeiten emporsteigt."

Jan Schulz-Ojala (Tagesspiegel) schrieb: " The Inconvenient Truth berührt als biografisches Weihevorhaben für die gute Sache. Dass Al Gore bekannte Tatsachen allgemeinverständlichst wiederholt, zeigt zudem, wie wichtig der Nachhilfeunterricht vor allem für die Kyoto-scheuen Amerikaner ist – aber soll man The Inconvenient Truth deshalb gleich einen Film nennen?"

Wolfgang Höbel (Spiegel Online) meinte: "Guggenheims Dokumentation ist wegen der vielen Kohlenstoffdioxid- und Temperatur-Diagramme ganz sicher der kurvenreichste Film dieses Festivals, aber er erzählt zumindest für jeden, der schon mal ein Greenpeace-Flugblatt in der Hand gehalten hat, nichts niederschmetternd Neues."

Verena Lueken von der FAZ besprach den Film recht wohlwollend.

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