Filmkritik:
Inception
USA/GB 2010 R: Christopher Nolan D: Leonardo DiCaprio, Ken Watanabe, Joseph Gordon-Levitt, Marion Cotillard, Ellen Page, Tom Hardy, Cillian Murphy 148 Min. Filmwebsite
Dom Cobb ist ein begnadeter Dieb, der absolut beste auf dem Gebiet der Extraktion, einer kunstvollen und gefährlichen Form des Diebstahls: Cobb stiehlt wertvolle Geheimnisse aus den Tiefen des Unterbewusstseins, wenn der Verstand am verwundbarsten ist - während der Traumphase. Dank seiner seltenen Begabung ist Cobb in der heimtückischen, neuen Welt der Industriespionage heiß begehrt. Nun müssen Cobb und sein Team statt eines perfekt ausgeführten Diebstahls das genaue Gegenteil vollführen. Ihr Auftrag lautet nicht, eine Idee zu stehlen, sondern eine einzupflanzen. Sollte ihnen das gelingen, wäre es das perfekte Verbrechen.
Für Daniel Kothenschulte von der Frankfurter Rundschau ist Inception „in dieser Saison der Ausnahmefilm aus Hollywood. Auf den ersten Blick ein Genre-Blockbuster mit nicht weniger Computeranimationen als Harry Potter – und dennoch ein Film, der all diese Mittel nutzt, um eine Geschichte zu erzählen, die nur im Kino denkbar ist". Für Nolan sei das Typische am Traum das „veränderte Empfinden für Raum und Zeit", und einen Traum in einem Traum inszeniert er folglich „wie eine animierte Architekturphantasie von Piranesi". Diese Kunst mit anzusehen, sei „allein einen Kinobesuch wert".
Andreas Borcholte von Spiegel Online hat einen „in sich verschachtelten und sehr ernsthaften Actionfilm" gesehen, der dem Zuschauer „volle Konzentration abverlangt". Nolan benötige „fast die Hälfte seines zweieinhalb Stunden langen Films, um überhaupt zu erklären, was seine Figuren machen, bevor es richtig und mit großer Spannung zur Sache geht". Er finde dabei „atemberaubende Bilder, um die gestalterische Macht des ruhenden Geistes zu illustrieren". Nolan erweise ich erneut als „Action-Regisseur mit großer Lust an kinetischer Energie - kein europäisch geprägter Autorenfilmer mit Hang zur Introspektion".
„Alle technischen Möglichkeiten, die das Kino heute bietet - außer 3D - kommen zum Einsatz, um uns zu zeigen, was Christopher Nolan sich erträumt hat in seinem Versuch, wieder einmal die Grenzen der filmischen Narration zu durchbrechen", schreibt Verena Lueken von der FAZ. Inception sei „nicht nur der Traum seines Regisseurs, der Film ist auch ein Experiment: Er bewegt sich fast vollständig in den Träumen seiner Figuren, die teilweise auch noch träumen, dass sie träumen".Was das „"inneres Engagement" des Zuschauers angehe, bleibe Inception allerdings „recht blass".
Ekkehard Knörer von der taz vergleicht Inception mit einem anderen Film: „Man kann gar nicht umhin, dabei an Martin Scorseses jüngsten Film Shutter Island zu denken, in dem Leonardo DiCaprio ein Privattrauma ganz ähnlicher Machart zu be- und verarbeiten hatte. Scorseses Vision ist sehr viel instabiler, aber auch exzessiver und heikler gebaut als die des besseren Handwerkers Nolan. Man kann sich streiten über die Art, in der Scorsese den privaten Verlust seines Helden mit echten oder falschen KZ-Erinnerungen überlagert. Fest steht jedoch: Noch das persönlichste Schicksal scheint in Shutter Island von Fetzen realer Geschichte durchdrungen, und seien sie noch so sehr deformiert. Dergleichen kommt Christopher Nolan gleich doppelt nicht in den Sinn: weder die reale Geschichte als solche noch gar eine Theorie ihrer Deformation im Gedächtnis des Individuums. Mehr als oft atemberaubend gut, gewagt und gekonnt konstruierte Rätsel- und Bastelarbeiten sind all seine Filme nicht. Die Abgründe, die sie besitzen, verdanken sich Tapetentüren und Theatermaschinen und niemals genuinen Ambivalenzen".
„Ein Sommer-Blockbuster aus Hollywood, der dem Geist einen solchen Stellenwert einräumt, ist im üblichen Dumpfbackenkommerz des Mainstreams schon mal eine Besonderheit", meint Tobias Kniebe von der Süddeutschen Zeitung. Die größte Schwäche von Inception sei, dass die „videospielartigen Actionlevel zwar den Massenerfolg garantieren, aber praktisch nichts mit dem zentralen Problem zu tun haben, einem Menschen eine Idee einzupflanzen".
„Inmitten einer Welle von Sommer-Blockbustern, die mit einem Fingerhut Intelligenz und der Aufmerksamkeitsspanne eines Dreijährigen auskommen, wirkt Inception wie ein Schock" auf Hanns-Georg Rodek von der Welt; der Film sei „geradezu beunruhigend vorbildlos und einzigartig". Nolans Traumvisionen seien „in hohem Maße erdgebunden, weil sein Film eben nicht von Träumen träumt, sondern von Genres: vom Gangster-, vom Großer Coup- und vom Action-Film". Die Viertelmilliarde Dollar konnte er nur bekommen, „indem er seine grenzenlose Fantasie auf den materialistisch begrenzten Horizont seiner Geldgeber herunterregulierte". Nolans handwerkliche Leistung aber ist „enorm", die Fabel „derart originär, dass sie die Effekte mühelos in Zaum hält - und das will etwas heißen bei deren Güte" .
„Wie jeder Film Nolans ist Inception spannendes Genrekino und Experimentallabor, in dem geforscht wird, wie weit sich die kausallogischen Sollbruchstellen des Erzählens treiben lassen", meint Ulrich Kriest vom Filmdienst. Der Regisseur spiele „zentrale Momente seiner früheren Filme mit einem Riesenbudget noch einmal durch und variiert sie". Der „der visionäre Entwurf" von Inception ringe „mehr Respekt ab als dessen Realisierung, deren Trivialität auf hohem Niveau doch etwas enttäuscht", denn „die Traumlandschaften, die hier erkundet werden, bieten bekannte Bilder: Das Unterbewusste des betäubten Firmenerben ist wie konventionelles Actionkino strukturiert".
Die Süddeutsche Zeitung porträtiert Christopher Nolan, Spiegel Online hat ihn interviewt.
Bert Rebhandl denkt in der FAZ anlässlich des Kinostarts von Inception grundsätzlich über das Verhältnis von Kino und Traum nach.
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